„Wo die Zypressen stehen“ – ein Flohmarktfund aus der Frühzeit des modernen Massentourismus

„Die Flut des Tourismus ist eine einzige Fluchtbewegung aus der Wirklichkeit, mit der unsere Gesellschaftsverfassung uns umstellt.“ (Hans Magnus Enzensberger, Schriftsteller und Tourismuskritiker 1958)

„Ich wandelte unter Palmen – zum ersten Mal in meinem Leben!“  (Ella H., deutsche Italientouristin 1957)

 

gardasee5

Sie war noch nie in Italien. Noch nie südlich der Alpen. Sie war mal in der Lüneberger Heide mit ihren Wacholdersträuchern und Heidekrautwiesen, da war es auch schön, aber eine richtige Palme, eine stachelige Agave oder einen knorrigen Olivenbaum hatte sie noch nie gesehen. Ella H. aus Kiel wollte unbedingt dahin, wo die Zitronen blühen. Nach Italien!

An den Gardasee.

Es war  neulich auf einem Flohmarkt in Münster, als ich auf Ella H. stieß. Auf dem Tisch eines Standes lag ein angegilbter Aktenordner, gefüllt mit dicht beklebten Seiten aus dünner Pappe. „Italien – Riva – Gardasee – Venedig 1957“, so war der Ordner beschriftet. Ein Reisetagebuch, wie man es heute nicht mehr findet. Ein Aktenordner voller Sehnsucht und Urlaubsglück, voller Reisedevotionalien, sorgsam eingeklebt und beschriftet.

Na ja, und natürlich auch ein sozialgeschichtliches Dokument erster Güte. Der Ordner aus der Wirtschaftswunder-Zeit musste mit.

In unserer heutigen Freizeitgesellschaft kann man sich kaum noch vorstellen, was in den Fünfziger Jahren der erste Italienurlaub für die Menschen bedeutete. Nach den Entbehrungen des Krieges und der Nachkriegszeit war eine Reise in den Süden für die Deutschen der Beweis dafür, dass es wieder aufwärts ging. Dass man wieder dazugehörte zur zivilisierten Welt.

War ja nicht selbstverständlich, so kurz nach der Nazibarbarei.

gardasee2

Ella H., damals den Fotos nach eine Frau um die 50, reiste – wie viele andere deutsche Urlauber auch – wohlbehütet und mit dem Bus nach Italien. Ihr liebevoll gestaltetes Reisetagebuch zeigt bis ins Detail, wie es damals war in Riva und Sirmione, in Torbole und Venedig.

Sie vertraute sich der Touropa an, neben Neckermann einer der großen Urlaubsanbieter der Fünfziger Jahre, der sich 1968 mit Scharnow, Hummel und Dr.-Tigges-Reisen zur Touristik Union International, kurz: TUI, und damit zum größten Reisekonzern der Welt zusammenschließen sollte. Touropa, schon damals eine Art Urlaubs-Trust, hatte Ella H.s Pauschalreise bis ins Detail durchgeplant.

Eine solch allumfassende Fürsorge, die uns heute eher spießig und bieder vorkommt, war damals bei den im Ausland meist vollkommen unerfahrenen deutschen Touristen sehr willkommen. Auch bei Ella H., die über ihren Touropa-Reiseleiter nur Gutes in ihrem Reisetagebuch vermerkte: „Unser Reiseleiter, Herr Schädrich, ist sehr nett – und er spricht perfekt italienisch.“

Ella H. und ihre Freundin erlebten zum ersten Mal in ihrem Leben die quirlige Atmosphäre einer italienischen Stadt: „Eng sind hier in Riva die Gassen, aber so stimmungsvoll!“  Die beiden Frauen knipsten jeden Alststadtwinkel, sammelten leere Zuckerpäckchen und Eisverpackungen. Sie kauften Ansichtskarten und trockneten Oliven-, Oleander-, Feigen- und Zitronenblätter. Bella Italia, hier war es, und der Gardasee mit seinen postkartenschönen Ausblicken bediente sämtliche Sinne.

gardasee4

Etwa zur gleichen Zeit als Ella H. am Gardasee staunend den Süden entdeckte, schrieb der Schriftsteller und Tourismuskritiker Hans Magnus Enzensberger sein ätzendes Essay „Vergebliche Brandung der Ferne“. Es las sich dann so: „Der Tourismus parodiert die totale Mobilmachung. Der Reiseleiter nimmt vollends die Züge eines Transportführers auf, dessen Autorität die Kolonne gleichermaßen fürchtet und ersehnt.“

Ob Ella H. ihren „Herrn Schädrich“ auch so fürchtete?

Enzensberger, für den der aufkommende Massentourismus eine einzige große Fluchtbewegung aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit darstellte, hatte Mitstreiter aus dem Bereich der Kulturkritik, die Menschen wie Ella H. und deren naive Italiensehnsucht noch viel abschätziger beurteilten. Unter ihnen kursierten Witze wie dieser: „Kommt eine Touristengruppe in einem italienischen Hotel an. Fragt der Hotelier: Are you English, French or Neckermann?“

Der Reiseschriftsteller Gerhard Nebel nannte in seiner in den frühen Fünfziger Jahren erschienene Tourismuskritik „Unter Partisanen und Kreuzfahrern“ den aufkommenden Massentourismus eine „europäische Krankheit, die in einer Kette von Eiterbeulen ausbricht.“ Ein Textbeispiel: „Die Schwärme dieser Riesenbakterien, Reisende genannt, überziehen die verschiedensten Substanzen mit dem gleichförmig schillernden Thomas-Cook-Schleim.“

Ella H. wusste von solchen Schmähschriften vermutlich nichts. Und wenn, es wäre ihr wohl egal gewesen. Sie saß im Eiscafé am Gardasee, fütterte die Tauben auf dem Markusplatz in Venedig und schwelgte zum ersten Mal in diesem südlichen Lebensgefühl, das so ganz anders war als der aufgeräumte Alltag ihrer deutschen Heimat.

gardasee3

In ihren Aktenordner klebte sie sämtliche Erinnerungen an die glücklichsten zwei Wochen ihres Lebens. Notierte alles fein säuberlich und ausführlich bis zum Abreisetag. Wie sie auf der Piazza in Limone ein Eis aß („Habe dafür 60 Lire bezahlt“). Wie sie in Torbole einen Regenschirm kaufte (Knirps für 3500 Lire = 23,52 Mark“).  Wie sie bei ihrem von Reiseleiter Schädrich auf sieben Stunden begrenzten Venedig-Aufenthalt für Poskarten 270 Lire („=1,80 Mark“) ausgab und auf dem Markusplatz saß („Die Sonne schien den ganzen Tag, es war bezaubernd. Man berauschte sich an den Farben. Venedig ist einmalig!“). Und wie sie dort in der urigen „Taverna dei Dogi“ mit ihrer Freundin zu Mittag aß: „Es war ein behaglich eingerichtetes Restaurant. Die Bedienung klappte vorzüglich. Das Essen (legierte Suppe, Braten und Obst) war reichhaltig und gut.“

Ella H. aus Kiel – eine Entdeckerin, voller kindlicher Freude über das, was sie in Italien sah. Freude, die uns erfahrenen Reisenden schon lange abhanden gekommen ist. Auf dem letzten Blatt ihres Reisetagebuchs stehen nur zwei, geradezu gemalte Worte: „Arividerci Italia!“

Was macht es da schon aus, dass es eigentlich „Arrivederci“ heißt?

2 Kommentare

  1. Schöner Artikel!

    Diese Mappe hätte ich wohl auch mitgenommen. An Menschen wie diese muss ich oft denken, wenn ich z.B. in Finale bin, das in manchen Ecken ja durchaus noch an vergangene Tourismuszeiten erinnert. Was heute eher schon der jährliche Besuch in der Nachbarschaft ist, war damals etwas wirklich besonderes, ein Abenteuer. Interessant auch der Hinweis auf diverse intellektuelle Spaßbremsen, die es wohl zu jeder Zeit gibt. Vielleicht hatten sie sogar in gewisser Weise Recht. Sie konnten sich jedoch vermutlich auch damals schon eine Art von Reisen leisten, für die eine Ella H. weder die Mittel noch die Kenntnisse hatte. Wahrscheinlich haben die aber auch nie Blätter oder Zuckerpakete gesammelt…

    • Hallo Pit,
      danke für das Lob! Ja, diese Mappe ist wirklich etwas Besonderes, ein echtes Fundstück. Und was die intellektuellen Spaßbremsen betrifft: Natürlich waren die in der Lage, „anders“ zu reisen. Das macht ihre gehässige Kritik aus der Warte des vermeintlich „richtig Reisenden“ aber nicht besser.
      Dass sie andererseits in gewisser Weise recht haben, auch das stimmt sicherlich, aber eben nur in gewisser Weise.
      Beste Grüße, Michael

Schreibe einen Kommentar

Pflichtfelder sind mit * markiert.