Warum man ein Land nicht einzäunen kann

Mit Grenzzäunen ist das so eine Sache. Oder mit Wällen und Mauern. Sie werden meist mit enormem Aufwand gebaut und funktionieren am Ende doch nicht.

Der römische Grenzwall Limes hielt das Imperium zwar eine Zeit lang ganz gut dicht, wurde dann aber doch von den Barbaren überwunden. Die Chinesische Mauer, ein fast 9000 Kilometer langes Bauwerk, sollte das alte Kaiserreich vor nomadischen Reitervölkern aus dem Norden schützen. Der Mongole Dschingis Khan hat sich darum wenig geschert und die Befestigungsanlagen kurzerhand überrannt.

Der Zaun an der mexikanisch-amerikanischen Grenze ist nahezu 3000 Kilometer lang und wird von den US-Behörden mit Unterstützung privater Milizen aufwändig gesichert. Dennoch gelingt es Jahr für Jahr etwa einer Million Mexikaner, ihn zu überwinden.

Und sogar die Mauer, die Deutschland 28 Jahre lang teilte, fiel am Ende. Obwohl: Sie sollte ja nicht Menschen davon abhalten, in die DDR zu gelangen, sondern aus ihr zu fliehen.

Es gibt nicht wenige Menschen, und es werden immer mehr, die gerade jetzt auch einen Zaun um Deutschland errichten wollen. Es sei genug mit den Flüchtlingen, sagen sie. Wir wollen niemanden mehr aufnehmen, schreiben sie in Internetforen. Wir sind voll, rufen sie in Talkshows und brüllen auf Demonstrationen, zu denen sie einen Galgen gleich mitgebracht haben.

Sie wollen, dass Deutschlands und Europas Grenzen noch dichter gemacht werden, als sie eh schon sind, denn so stellen sie sich ein Bollwerk vor.

Dabei gibt es in der Geschichte viele Beispiele dafür, dass ein Land sich selbst mit dem allergrößten Aufwand nicht gegen Menschen, die rein wollen, abschotten kann. Das vielleicht interessanteste, weil aufwändigste und dennoch nutzloseste Bauwerk dieser Art ist wohl die Maginot-Linie.

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Kilometerlange Bunker- und Stollensysteme waren am Ende vollkommen nutzlos: Hitlers Wehrmacht umging die Maginot-Linie einfach.

Sicher, deren Entstehung gehört in einen völlig anderen Kontext: Die Maginot-Linie wurde erdacht und immer weiter ausgebaut, weil sich ein demokratisches Land, also Frankreich, gegen ein totalitäres Land, das es als Bedrohung empfand, also Deutschland, schützen wollte. Die Absicht war – anders als in der aktuellen Flüchtlingsdebatte – somit eine gute. Man wollte die eigene Bevölkerung vor einem Aggressor behüten, das ist ehrenwert. Vereinfacht ausgedrückt: Die Maginot-Linie sollte ein wirksames Verteidigungswerk gegen den deutschen Faschismus sein.

War sie aber nicht.

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Schier unendlich sind die Gänge in den Tunnelanlagen.

Die Maginot-Linie war ein komplexes System von Bunkern, Geschützstellungen und Tunnelanlagen entlang der französisch-deutschen Grenze. Das Bauwerk wurde nach dem französischen Verteidigungsminister André Maginot benannt. Gebaut wurde es hauptsächlich in den Jahren von 1930 bis 1940. Schlechte Erfahrungen mit dem Nachbarland und Erbfeind Deutschland aus dem für Frankreich traumatischen Krieg von 1870/71 sowie aus dem Ersten Weltkrieg ließen Paris zu dem Schluss kommen, dass nur ein mächtiges Verteidigungsbollwerk Hitlers aufgerüstete Armeen dauerhaft abwehren kann.

Dabei hätten die Franzosen es eigentlich besser wissen können. Schon im Ersten Weltkrieg nahmen die deutschen Armeen den Weg durch neutrale Staaten wie Belgien oder Luxemburg, um Frankreich zu attackieren. Bereits im Jahr 1905 hatte der deutsche Militärstratege Alfred Graf von Schlieffen seinen gleichnamigen Plan entwickelt. Er sah vor, mit der Masse des Heeres  in den Norden Frankreichs vorzurücken und damit die französischen Befestigungen im Osten zu umgehen.

Trotzdem baute Paris die Maginot-Linie vor allem an der deutsch-französischen Grenze in den 1930er-Jahren massiv aus. Im Frühjahr 1940, kurz vor Hitlers Frankreichfeldzug, waren die Verteidigungsanlagen vollgestopft mit Waffen und Soldaten.

Und dann machte die Wehrmacht den Sichelschnitt. So nannten die deutschen „Blitzkrieg“-Generäle ihren erneuten Vorstoß durch die Niederlande und Belgien hinein nach Nordfrankreich. An der Maginot-Linie gab es ein paar Scheinangriffe, ein paar Ablenkungsmanöver – Geplänkel, wie die Militärs sagten. Das tief in die elsässische Erde gegrabene Bunker- und Tunnelsystem, es war militärisch bedeutungslos.

Heute kann man einzelne Bunkersysteme besichtigen und sich schaudern lassen ob der bedrückenden Atmosphäre dieser Unter-Tage-Bauwerke. Auf touristischen Führungen wird einem die Unsinnigkeit dieser Anlagen eindringlich erläutert.

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Noch heute kann man Reste der gewaltigen Bunkeranlagen im Elsass und anderswo besichtigen.

Damit auch ja keine Missverständnisse aufkommen: Die Maginot-Linie ist ein Produkt ihrer von Kriegsangst dominierten Zeit. Sie sollte Frankreich nicht vor Flüchtlingen schützen, sondern vor kriegerischen Eroberern. Das macht moralisch einen gewaltigen Unterschied zur Situation heute. Dass aber ein beinahe 1000 Kilometer langes, mit schweren Waffen und Zehntausenden Soldaten vollgepacktes Grenzsystem am Ende zu einer der gewaltigsten Fehlinvestitionen der Geschichte wurde, zeigt die Vergeblichkeit solcher Vorhaben. Am Ende wurden mehr als fünf Milliarden Francs, damals eine unfassbare Summe, buchstäblich in den Sand gesetzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und erst recht nach dem Fall der Mauer haben wir in Europa geglaubt, dass Grenzbefestigungen auf den Schrotthaufen der Geschichte gehören. Dass sie heute nicht nur von rechten Krawallmachern, sondern sogar von Politikern aus dem Regierungslager wieder gefordert werden, verwundert schon.

Haben sie in Geschichte nicht aufgepasst?

 

1 Kommentar

  1. Die Maginot-Linie – ein nutzloses Monstrum. Spannend und bedrückend zugleich, die dortigen Bunker zu besichtigen. Vielleicht würde hier so manchem Politiker klar, warum man Länder nicht einzäunen kann, weder in die eine noch in die andere Richtung. Was wohl zukünftige Generationen zu dem Wahnsinn, der sich gerade an den Grenzen der EU abspielt, sagen werden? Danke für deinen aufschlussreichen Beitrag!

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