Vintage-Coolness: Luxus-Printmedien als Nischengeschäft

Print stirbt aus. Das sagen  fast alle. Auch die, denen Print bisher ihren Lebensunterhalt ermöglichte und immer noch ermöglicht. Print ist Gestern, Online ist Morgen. Das Dumme nur: Noch immer sind Verlage auf der verzweifelten Suche nach einem Geschäftsmodell, das ihnen dauerhaft ein Überleben im Morgen, also im Netz, ermöglicht.

Äußerungen dazu gibt es nahezu täglich. Der Medienberater und Ex-Verleger Martin Langeveld hat kürzlich angeregt, dass Zeitungen nicht mehr täglich, sondern nur noch wöchentlich erscheinen sollten. Michael Schaper, Chefredakteur von GEO-Wissen, glaubt an eine Zukunft von Print nur in der anspruchsvollen Nische. Matthias Koch vom Redaktionsnetzwerk Deutschland schlägt vor, den schnellen Nachrichten im Netz mit einem Wochenend-Journal etwas Ruhiges entgegensetzen.

Bei Burda haben sie gerade eine neue Special-Interest-Zeitschrift an die Kioske gebracht, die ihre Online-Konkurrenz sogar im Titel führt: „I like Blogs – Rezepte“ kocht Rezeptideen aus dem Netz auf. „Als Massenmedium wird die Zeitung verschwinden“, sagt Bascha Mika, Chefredakteurin der „Frankfurter Rundschau“. Sie sieht die gedruckte Zeitung als künftiges Luxusprodukt.

Peter Turi, der einen Medienfachdienst im Netz betreibt, plant deshalb eine Rolle rückwärts: In unseren digitalen Zeiten, argumentiert auch er, sei Print der neue Luxus, also etwas besonders Kostbares. Turi möchte in Kürze ein gedrucktes Magazin für Medienmacher auf den Markt werfen und setzt dabei auf die künftige Exklusivität dieses, nun ja, „Vintage-Mediums“.

Unterstützung erhält er wiederum durch Hans Weitmayr, Chefredakteur von „Forbes Austria“. Der hat kürzlich gesagt, dass Papier das Vinyl der Medienindustrie sei. Und seine „Forbes“-Illustrierte mithin so etwas wie die gute, alte Schallplatte. Die ist ja auch nicht tot zu kriegen.

Man kann das so sehen. Ein Blick zurück zeigt, dass es durchaus Beispiele für gedruckte Produkte als exklusives Nischen-Geschäftsmodell gibt. Da gab es zum Beispiel „Pan“, eine Kunst- und Literaturzeitschrift. Sie wurde von 1895 bis 1900 in Berlin von Otto Julius Bierbaum und Julius Meier-Graefe herausgegeben.

Von 1910 bis zu ihrer endgültigen Einstellung 1915 erschien sie nochmal als Halbmonatsschrift unter der Leitung des Berliner Kunsthändlers und Verlegers Paul Cassirer. Ab 1912 war der berühmte Theaterkritiker Alfred Kerr alleiniger Herausgeber dieser in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Zeitschrift.

Das aufwändig gestaltete Blatt war für ein paar Jahre das Zentralorgan des deutschen Jugendstils. Diese Kunstrichtung sah sich im späten Kaiserreich als kulturelle Avantgarde, entsprechend nobel musste „Pan“ daherkommen. Ihren Titel klaute sie sich aus der griechischen Mythologie. Eine solche Zeitschrift hatte es bis dato noch nicht gegeben: Gedruckt auf hochwertigstem Papier und mit modernster Typografie, verziert von den besten Designern der Zeit. Beigelegt waren Originalgrafiken von Künstlern wie Henry van de Velde, Max Liebermann oder Franz von Stuck. Der Kontrast zu den auf Billigpapier gedruckten Groschenzeitungen des Kaiserreichs hätte größer nicht sein können.

Private Gönner hatten 1895 viel Geld gegeben und ermöglichten es der Zeitschrift, unabhängig vom Massengeschmack zu einem Bannerträger der künstlerischen Moderne zu werden. Jung. Aufregend. Fortschrittlich. Umgeben von einer Aura des Exklusiven. Und richtig schön gemacht.

Für einige Zeit funktionierte diese Geschäftsidee recht gut. Dass die Zeitschrift schon nach wenigen Jahren wieder vom Markt verschwand, lag zwar auch am oft elitären Inhalt von „Pan“, vor allem aber lag es an ausgeprägten Streitereien unter den Machern. Und hätte der Erste Weltkrieg nicht grundsätzlich mit der Kultur in Deutschland Schluss gemacht, wer weiß, was aus Alfred Kerrs hoffnungsvoller Neuauflage dieses Hochglanz-Heftes geworden wäre.

Dass sie damals Print etwas anders gedacht hat als bis dahin üblich, bescherte der Gazette jedenfalls eine Aufmerksamkeit, die weit über den überschaubaren Kreis der Künstler und Literaten hinausging. Leider findet man Exemplare dieses frühen publizistischen Experiments heute – wenn überhaupt – nur noch in wenigen Bibliotheken oder mit ganz viel Glück auf einem gut bestückten Flohmarkt.

Anschauungsunterricht, wie es gemacht werden könnte, bietet das Projekt „Pan“ bis heute allemal.

new yorker für blog

Der „New Yorker“ ist eine Institution. Eine gedruckte Institution.

Das gilt auch für den „New Yorker“, ein inzwischen schon 90 Jahre altes Magazin für die amerikanische Ostküsten-Bohème. In ihm schrieben und schreiben bis heute die besten Autoren. Mit vielen ihrer „New Yorker“-Geschichten überwanden sie die Grenzen zwischen Reportage und Roman. Und gewannen Unmengen an Journalisten- oder Literaturpreisen.

Das Heft hob sich von Anfang an durch hochklassigen Journalismus, gehobenen Tratsch, gepflegte Selbstreferenzialität, künstlerische Covergestaltung, hübsch-altmodische Typografie und ein bewusstes, beinahe britisches Understatement von anderen Publikationen ab. Bis heute.

Als reine Netzzeitung ist der „New Yorker“ trotz eines inzwischen ziemlich guten Internet-Auftritts irgendwie nicht denkbar. Man möchte ihn weiterhin in seinen Händen halten.

Ein bisschen Vintage-Coolness im Online-Alltag.

2 Kommentare

  1. Hallo,

    sehr schöner Artikel, der das akute Problem der Print-Medien auf den Punkt bringt. M. m. n. sind die Zeiten einiger, wenn auch nicht aller, Print-Medien Geschichte. Das Internet mit seiner Umsonst-Kultur hat einen großen Anteil daran. Verschiedene Versuche, Geld vom Leser zu bekommen, scheitern eben an dieser Billigheimer-Mentalität. Oder an einem etwas „komischen“ Online-Geschäftsmodell. Warum soll ich als Abonnent einer Tageszeitung nocheinmal Geld bezahlen für ein Online-Abo (z. B. MV-Online)? Oder an allzu aufdringlicher Werbung inkl. sensationsheischender Click-Bait-Artikel.

    Schwere Print-Zeiten. Auch für Redakteure(?)

    • Hallo Horst, sorry, dass ich dir erst jetzt antworte, aber war zwei Wochen im Urlaub – und tatsächlich offline! Danke für das Kompliment. Du hat natürlich recht mit deiner Kurzanalyse des Medienmarktes. Es wurde viele Fehler gemacht seitens der Verlage, nun ist die Situation ziemlich schwierig. Es bleibt spannend.
      Beste Grüße!

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