Verdun – Menschenschlachthof

Mein Sohn und ich fahren im Sommer gerne nach Frankreich in den Urlaub. Für ihn ist das ganz selbstverständlich, er mag dieses Land und die Gastfreundschaft seiner Menschen. Dass Deutsche und Franzosen lange Zeit Todfeinde waren, kann er sich nur schwer vorstellen. Und dass sie sich vor genau 100 Jahren in Verdun gegenseitig die Köpfe eingeschlagen haben, erst recht nicht. Deshalb ist das Gedenken an diese Schlacht einerseits eine gute Gelegenheit, zurückzublicken in einen Abgrund der Geschichte, vor allem aber wertzuschätzen, wie weit wir heute von den damaligen Zuständen entfernt sind.

Es war mehr als nur eine Schlacht im Ersten Weltkrieg, was sich bei Verdun ereignete. Es war Kanonen-Trommelfeuer und Maschinengewehr-Stakkato, Giftgas und Flammenwerfer, Zerfleischung und Verwesung. Es  war…, ja, was war das eigentlich, was da in der Nähe des beschaulichen lothringischen Städtchens am 21. Februar 1916 seinen Anfang nahm?  Ein Menschenschlachthof? Eine Knochenmühle? Ein Stahlgewitter? Eine Blutpumpe? Ein Totentanz? Das Grauen? Materialschlacht? Massengrab? Armageddon? Apokalypse?

Viele Versuche hat es gegeben,  Verdun in Worte zu fassen. Allen gemeinsam ist, dass sie unzureichend beschreiben, was dieses zehnmonatige Gemetzel für diejenigen, die es erleben mussten, bedeutete. Nicht nur deshalb sollte uns diese Schlacht auch heute, 100 Jahre später, noch interessieren.

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Rund um das stark befestigte Fort Douaumont starben besonders viele Soldaten.

Der militärische Verlauf der Schlacht von Verdun ist vielfach nachzulesen, es gibt auch eine Reihe von TV- und Netzdokumentationen, die ihn nachzeichnen.  Aufschlussreich sind aber auch die Zeugnisse von Menschen, die dabei waren in der Schlacht von Verdun. Einfache Soldaten, die in ihren Feldpostbriefen meist nur andeuten konnten, was sie in den Schützengräben erlitten hatten. Aber auch Schriftsteller und Intellektuelle, die an der Verdun-Front kämpften und später versuchten, ihre Erlebnisse in einen Roman oder in ein Gemälde zu fassen.

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Atemschutzmasken sollten vor den gefürchteten Gasangriffen schützen.

Und so fing es an: Am Morgen des 21. Februar 1916 kurz nach 8 Uhr morgens legten 1250 deutsche Geschütze ein Trommelfeuer über die französischen Linien um Verdun, wie es die Welt niemals zuvor gesehen hatte. Die Kanonen feuerten binnen eines Tages eine Million Granaten ab und entfesselten einen Orkan der Vernichtung. Der deutsche Oberbefehlshaber General Erich von Falkenhayn glaubte, er hätte die französischen Verteidigungslinien zu Brei geschossen, als er seinen Truppen nachmittags unter dem Motto „Den Steilhang hinunter und den Franzmann hinausgeschmissen!“ den Sturmangriff befahl. Doch die verzweifelten Franzosen hielten aus, auch wenn sich bei manchen Einheiten Weltuntergangsstimmung breit machte.

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Eingang zu einem Bunker am Fort Douaumont. Noch heute ist die Erde hier umgepflügt.

Etwa 30 Festungen umgaben Verdun damals, die wichtigste war Fort Douaumont. Die Stadt hatte eine lange Geschichte als Bollwerk und für die französische Bevölkerung große symbolische Bedeutung, sie war ein nationaler Mythos. Der militärstrategische Wert hingegen war nicht übermäßig bedeutend. Falkenhayns Plan sah vor, dass die Franzosen hier aufgerieben werden sollten, er sprach von der „Blutpumpe Verdun“. Deutschland hätte mehr Menschenmaterial als Frankreich und würde sich deshalb früher oder später durchsetzen, kalkulierte die Oberste Deutsche Heeresleitung. Über einen Sieg in Verdun wollte man aus der allgemeinen Defensive des Jahres 1915 herauskommen und wieder die Oberhand an der Westfront gewinnen.

Nach dem bis dato größten Bombardement der Militärgeschichte  ging es tatsächlich zunächst gut voran für die Deutschen. Bereits nach wenigen Tagen nahmen sie Fort Douaumont durch einen überraschenden Vorstoß ein. Der französische Oberbefehlshaber Joseph Joffre hatte es kurz vorher unerklärlicherweise weitgehend entwaffnet, weil er die Anlage für veraltet hielt. In Deutschland läuteten bereits die Siegesglocken. Erst jetzt begriff man in Paris, dass der deutsche Vorstoß auf Verdun kein Ablenkungsmanöver war, sondern ein Frontalangriff. Die Stadt musste gehalten werden, um jeden Preis. Über die sogenannte „heilige Straße“, die einzige brauchbare Verbindung zwischen Verdun und dem Hinterland, wurden Tag und Nacht Truppen und Material herangeschafft.

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Deutsches Gedenkkreuz in der Festung Douaumont.

Frankreich war angeschlagen, aber es schlug zurück. General Philippe Pétain – er sollte 24 Jahre später mit Hitlerdeutschland kollaborieren – wurde von Joffre zur Verteidigung herankommandiert. Ein Hoffnungsträger. Längst war Verdun der Kampf einer ganzen Nation gegen den Erzfeind aus dem Osten. In den zehn Monaten der Schlacht kämpften zwei Drittel der gesamten französischen Armee in den Schützengräben und Granattrichtern rund um die Stadt.

Unter der Parole „Ils ne passeront pas!“ (sie werden nicht durchkommen!) hielten die Franzosen stand. Während der deutsche Kaiser Wilhelm II. aus der Distanz dem Spektakel zuschaute und sein General Paul von Hindenburg Bemerkungen wie „Der Krieg bekommt mir wie eine Badekur“ absonderte, kämpften in den verschlammten Gräben Mann gegen Mann, Armee gegen Armee. Die Hügel von Verdun waren längst entwaldet und umgepflügt, ein Massengrab ohne jede Deckung.  Der deutsche Angriff steckte fest, ein Zurück aber konnte es nicht geben, dafür waren schon zu viele Soldaten gestorben.

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Das Beinhaus von Verdun. Hier liegen tausende Tote.

Wie total die Schlacht tobte, erklärt der Historiker Gerd Krumeich bei „Spiegel Online“: „Einzigartig an Verdun ist aber vor allem diese Kombination aus modernster Fernartillerie und archaischsten Formen des gegenseitigen Tothauens. Der Feind war fast immer in Sichtweite, hier kämpfte Mann gegen Mann, Würgegriff gegen Würgegriff. Mit Knüppel, Messer, Spaten als bevorzugte Mordwerkzeuge – und das unter Beschuss durch die modernsten Waffen, die es damals gab: Flammenwerfer, Giftgas, schwere Artillerie, Jagdflieger.“

Die Soldaten – egal auf welcher Seite – wollten nur eines: raus aus diesem Inferno aus Menschenfleisch und Schrapnellen. Beklemmende Dokumente zeigen uns, was die Frontsoldaten damals durchmachen mussten. Der Grevener Familienforscher Bernhard Brockötter hat Hunderte alter Feldpostbriefe seines Großonkels Lorenz Brockötter ausgewertet und in einem Buch aufbereitet (Bernhard Brockötter: Leben und Leid im Ersten Weltkrieg, Westfälische Reihe, Münster). Lorenz Brockötter kämpfte damals in Verdun und schrieb seiner Familie: „Die ganzen Dörfer um Verdun sind in Schutt verwandelt. In Bethincourt (…) fand ich unzählige Tote von uns und französische umherliegen, so wie sie vor Wochen gefallen sind, mit vollen Gegürt. Ein schrecklicher Leichengeruch, die ganze Gegend ist von Granaten umgepflügt.“

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Lorenz Brockötter in einem Unterstand. (Foto: Sammlung Bernhard Brockötter)

Auszuhalten war das nur schwer. Am Abend vor dem nächsten Einsatz im Schützengraben betäubten sich Brockötter und seine Kameraden bei einem Bierabend. Er schrieb nach Hause: „Wir singen und lärmen gegen die tobende Front. Was morgen sein wird, kümmert uns nicht. Dann mögen ringsum die Minen hochgehen, die Granaten bersten und krachen. Heute wird gefeiert, heute soll die Bierstimmung den Lärm der Front übertönen.“

Der Schriftsteller Arnold Zweig (Arnold Zweig: Erziehung vor Verdun, Aufbau Verlag, Berlin) beschrieb das Gemetzel so: „Die Infanterie warf sich befehlsgemäß, und wie sie es gelernt hatte, gegen die französischen Trichter und Gräben und eroberte sie, sie wütete in französischem Fleisch und Blut, gab selbst Fleisch und Blut her, Schweiß und Nerven, Klugheit und Tapferkeit, Mut und Bereitschaft. Man hatte allen gesagt, sie verteidigten hier die Heimat, und sie glaubten es. Auch dass der Franzose erschöpft sei, hatte man ihnen gesagt, und sie hatten es geglaubt – noch eine Anstrengung, noch ein Stoß! Sie strengten sich an, sie stießen noch einmal vor, ihre Essenholer fielen, die Trainfahrer wurden auf den Böcken getötet, die Kanoniere trotzten dem Gegenfeuer. Neue Truppen wurden eingeschoben und stürmten, bayrische Divisionen, preußische Garde, württembergische Infanterie, badische und oberschlesische Regimenter. Dann sah man endlich ein, dass es nicht ging.“

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Armprothesen für die Verstümmelten.

Das Resultat der Schlacht bei Zweig: „Die schönen Dörfer waren erst Ruinen geworden, dann Trümmerhaufen, schließlich Ziegelstätten; die Wälder erst Lücken und Knäuel, dann Leichenfelder bleicher Stümpfe, schließlich Wüste.“

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Soldatenfriedhof in Verdun.

Noch heute kann man die Schlachtfelder vor Verdun besichtigen. „Wer einmal dort war, wird den Anblick nie mehr vergessen“, sagt Krumeich. „Dieses durch ständigen Beschuss wellenförmig aufgeworfene, dünenartige Gelände mit eher zufälligem Baumbewuchs. Unvorstellbar, dass da überhaupt Menschen überleben konnten.“  In dieser apokalyptischen Mondlandschaft ohne Sträucher und Bäume, in dieser Welt aus Wut und Wahnsinn, Tod und Verwesung, Schlamm und Scheiße war sich jeder selbst der Nächste. Alle zwei Minuten, haben Historiker errechnet, starb in Verdun ein Mensch. Zehn Monate lang.

Militärisch war das Abschlachten ohne jeden Belang: Da wurde ein Dorf  200 Mal eingenommen und dann 200 Mal von der Gegenseite zurückerobert. Vorwärts ging es schon lange nicht mehr. Und als die Deutschen im Sommer und Herbst anderswo in Bedrängnis gerieten und Truppenteile an die Somme und an die Ostfront verschieben mussten, erschien es der neuen Heeresleitung um Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff plötzlich doch opportun, den Rückzug aus Verdun zu befehlen.  Im Dezember 1916 standen Deutsche wie Franzosen im Prinzip wieder da, wo sie schon im Februar 1916 standen. 300.000 Tote fordert dieses Tollhaus der Tobsüchtigen, mehr als 400.000 Verletzte und Verstümmelte. Die Schlacht traumatisierte eine ganze Generation junger Männer, die sich verheizt vorkam.

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Mit diesem Denkmal in Verdun ehren die Franzosen ihre Soldaten.

Und hinter allem steht eine ungläubige Verwunderung darüber, was Menschen Menschen antun können. Bis heute.

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Wer mehr lesen möchte: Hans-Herbert Grimms Roman „Schlump“ (Hans-Herbert Grimm: Schlump, Kiepenhuer & Witsch, Köln) behandelt ebenso eindringlich das Grauen an der Westfront wie Edlef Köppens „Heeresbericht“ (Edlef Köppen: Heeresbericht, Ullstein Verlag, Berlin). Jean Echenoz (Jean Echenoz: 14, Hanser Verlag, Berlin) schildert „La Grande Guerre“ aus französischer Sicht. Der vielleicht berühmteste Roman des Ersten Weltkriegs wurde von Erich Maria Remarque geschrieben (Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, Kiepenheuer & Witsch, Köln), der wohl umstrittenste von Ernst Jünger (Ernst Jünger: In Stahlgewittern, Klett-Cotta, Stuttgart).

Zum Schluss noch eine Hörempfehlung: Die Band „Einstürzende Neubauten“ hat im Jahre 2014 mit „Lament – der 1. Weltkrieg“ eine großartige musikalische Umsetzung des Themas abgeliefert. Im nachfolgenden Video eines Konzerts in Turin imitieren die Stahlrohr-Trommeln den damaligen Weltenbrand auf beklemmende Art:

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