Sorgen um Europa – damals wie heute

„Hat Europa noch eine Zukunft? Es sind viele, die mir schon diese Frage gestellt haben. Und ich hatte nicht immer den Eindruck, dass es die Oberflächlichsten oder die Dümmsten waren.“

Dies ist kein Zitat aus der aktuellen Debatte um Europas Umgang mit den Flüchtlingen. Es stammt nicht von Horst Seehofer und auch nicht von Hans-Werner Sinn. Der Publizist Ernst Friedlaender hat das gesagt, vor rund 60 Jahren. Sorgen um die Zukunft unseres Kontinents gab es damals wie heute.

Es steht nicht gut um Europa in diesen Tagen. 65 Jahre nach Beginn der europäischen Integration ist nicht mehr viel übrig geblieben von der Euphorie, mit der nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg ein Europa der Freiheit, des Friedens und des Wohlstands gebaut werden sollte. Vor allem das Gemeinsame – lange Zeit so etwas wie das Selbstverständnis der EU – ist nahezu vollständig abhanden gekommen.

Erst die vor allem geostrategisch motivierte Aufnahme zahlreicher postsozialistischer Staaten in die Nato und die EU, mit der man Russland nachhaltig verärgerte, danach die Kreditblasen in den südeuropäischen Ländern, die, nachdem sie geplatzt waren, die Wettbewerbsfähigkeit etlicher Volkswirtschaften massiv gefährdeten. Später die Griechenland-Krise, an der sich Spekulanten und Hedgefonds gerne bereicherten und die mit vielen Milliarden an Krediten mühsam abgemildert werden musste.

Und dann die Flüchtlinge. Während Länder wie Deutschland oder Schweden sich lange aufnahmebereit zeigten, war es mit der Solidarität vieler anderer Staaten nicht weit her. EU-Agrarsubventionen? Sehr gerne! Gemeinsames Handeln in der Krise? Lieber nicht! Merkels „Wir schaffen das!“ setzen EU-Staatschefs aus Ungarn, Polen und anderen ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten ein „Wir wollen das aber gar nicht schaffen!“ entgegen.

Es geht heute nicht mehr nur darum, Wohlstand zu schaffen oder zu mehren, sondern darum, Wohlstand zu teilen. Diese Erkenntnis aber gefällt im Europa dieser Tage vielen ganz und gar nicht. So zerstritten und desillusioniert, so ermattet und ratlos wie zurzeit wirkte Europa, der Westen generell, seit über 70 Jahren nicht mehr – trotz des fragwürdigen EU-Türkei-Abkommens vor einigen Tagen.

Noch ein paar Wahlen, die in die Hose gehen, Trump in den USA, der Front National in Frankreich, weitere rechtsnationale Erschütterungen in Deutschland, England oder Österreich, und die westliche Wertegemeinschaft schafft sich selbst ab.

Dabei war vor allem die europäische Einigung über viele Jahrzehnte ein Erfolgsmodell. Ein Kontinent kam sich näher, weil er gemerkt hatte, dass es so wie bisher nicht mehr ging. Weil er sich ausgeblutet hatte in zahlreichen nationalstaatlich begründeten Kriegen. Unter dem anfangs sanften Druck der Amerikaner schloss man sich in Verbänden und Institutionen zusammen, 1951 im Wirtschaftsverband „Montanunion“, 1954 in der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (die trotz Nato formal bis 2011 fortbestand), 1957 in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), 1993 in der Europäischen Gemeinschaft (EG), aus der 2009 die heutige Europäische Union (EU) hervorging.

Von Anfang an war die junge Bundesrepublik Deutschland dabei, was damals keineswegs selbstverständlich war. Wenige Jahre nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus tasteten sich die Deutschen vorsichtig zurück in den Kreis der zivilisierten Nationen. Die Strahlkraft dieser frühen Staatenbünde war so hell, die Verheißung so groß, dass immer mehr Länder mitmachen wollten bei der sich abzeichnenden politischen wie wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte eines nicht mehr ausschließlich in nationalen Kategorien denkenden Kontinents. Ziemlich geräuschlos entstand nach und nach eine Zone des Friedens – und der lange Zeit größte Binnenmarkt der Erde.

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Bücher priesen in den Fünfziger Jahren voller Enthusiasmus die beginnende europäische Einigung.

Und doch war die Einigung Europas damals von Skepsis, Zweifeln und Befürchtungen begleitet. „Können traditionelle Erzfeinde wie Frankreich und Deutschland überhaupt dauerhaft freundschaftlich miteinander auskommen?“, fragte man sich wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. „Und welche Anstrengungen müssen wir unternehmen, um uns nicht wieder zu entfremden? Was für Regeln brauchen wir dafür?“ Zu lange hatte man sich in Europa gegenseitig totgeschossen, um vorbehaltlos an ein friedliches Europa zu glauben.

Deshalb wurden die Politik flankierende Organisationen gegründet, deren Zweck die Völkerverständigung war. Eine Vielzahl an Publikationen, an Zeitschriften und Büchern sollten den europäischen Gedanken auch bei jenen Eben-noch-Volksgenossen verankern, die vor gar nicht allzu langer Zeit noch Parolen wie „Jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Brit, jeder Schuss ein Russ“ auswendig aufsagen konnten.

Die Europa-Union war so ein Zusammenschluss überzeugter Europäer. Sie wurde bereits 1946 gegründet und verstand sich als überparteiliche, überkonfessionelle und unabhängige politische Nichtregierungsorganisation für ein föderalistisches Europa. In ihren Schriften und Büchern warb sie – damals sehr modern – für ein supranationales, friedliches und offenes Europa und die Überwindung der Nationalstaaten. So auch in ihrem 1955 erschienen Buch „Europa – Länder, Männer, Abenteuer“ (heute würde man „Männer“ wohl durch „Menschen“ ersetzen).  Darin nannte der Deuschland-Vorsitzende der Organisation, der seinerzeit bekannte „Zeit“-Journalist Ernst Friedlaender, Europa schon vor 60 Jahren „unser gemeinsames Vaterland“.

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Die Segel gesetzt und volle Kraft voraus: Mit diesem Buch wollte die Europa Union Mitte der Fünfziger Jahre Begeisterung für die Völkerverständigung wecken.

In diesen Büchern quoll aus jeder Seite die Begeisterung für ein gemeinsames, tolerantes und freies Europa. Es wurden Menschen vorgestellt, die sich mit ihren Worten und Taten für den europäischen Gedanken und für die Völkerverständigung eingesetzt hatten. Der legendäre Berliner Bürgermeister Ernst Reuter etwa, oder auch der britische Premierminister Winston Churchill. Vor allem aber forderten die Autoren voller Überzeugung weitere Schritte zur Einigung Europas.

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Kategorischer Imperativ: „Schlagbaum hoch!“ nannte sich Ende der Fünfziger und Anfang der Sechziger Jahre eine ADAC-Zeitschrift.

Offene Grenzen standen dabei ganz oben auf der Wunschliste – vor 60 Jahren, als sich die Autos wie selbstverständlich an den Schlagbäumen stauten, unrealistischer als ein bemannter Flug zum Mars.  Man muss tatsächlich über 60 Jahre zurückgehen und die damaligen Debatten nachlesen, um zu verstehen, was für eine grandiose politische Leistung die Öffnung der Binnengrenzen innerhalb der Europäischen Union Jahrzehnte später war (und was wir verlieren, wenn wir sie wieder schließen).

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Geschlossene Grenzen: Damals wurden sie beklagt, heute wünscht sie sich so mancher „besorgte Bürger“ zurück. Hier darf der Rennfahrer Hans Stuck ausnahmsweise unkontrolliert weiterfahren.

Für Männer wie Ernst Friedlaender erschienen offene Grenzen in den Fünfziger Jahren zwar noch als eine ferne Utopie, gleichwohl durfte man sie nie aus den Augen verlieren. Und der französische Politiker Robert Schuman, ebenfalls eng mit der Europa Union und deren Zielen verbandelt, sah 1955 das große Ziel darin, „zwischen 320 Millionen Europäern, die durch Zoll-, Währungs- und politische Grenzen voneinander getrennt sind, dauernde organische Bande zu schaffen, damit das Lebensniveau eines jeden gehoben, die Sicherheit alle erhöht und damit zugleich dem allgemeinen Frieden gedient wird.“

Das würde man heute vielleicht etwas weniger gewunden formulieren, richtig bleibt es aber. Schließlich waren Freiheit und offene Grenzen so etwas wie das Gründungsversprechen der europäischen Einigung.

Ernst Friedlaenders Frage, ob Europa ein Zukunft hat, ist offener denn je.

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