Alles schon mal dagewesen: Der Bilderstreit von Byzanz

„Gott schuf den Menschen nach seinem Bilde – das hat er nun davon“ (Wolfgang Eschker, deutscher Schriftsteller)

 

Seit es Religionen gibt, streiten die Menschen um die „reine Lehre“. Der Glaube stellt die Frage nach dem Sinn des Ganzen, die Antwort liefert er gleich mit. Das hat die Menschen schon immer erregt.

Warum mussten die Karikaturisten von „Charlie Hebdo“ Anfang 2015 sterben? Weil sie in ihrer Satirezeitschrift den Propheten, also den Islam beleidigt hatten? Schon möglich, aber nicht nur deshalb. Für fundamentalistische Muslime reicht bereits, den Propheten lediglich zu zeichnen. Ihn abzubilden. Wie, das ist gar nicht entscheidend.

Das Bilderverbot im Islam lässt sich über Jahrhunderte zurückverfolgen. Dabei enthält der Koran an sich gar kein Bilderverbot. Es entwickelte sich erst im Laufe der Zeit und nach heftigen Auseinandersetzungen unter islamischen Gelehrten – und längst nicht überall in der arabischen Welt.

Die Frage: Darf man den Religionsstifter Mohammed abbilden? Darf man überhaupt Heilige abbilden?

byzanz - Kopie

Istanbul hieß einmal Byzanz und war streng katholisch-orthodox. Heute leben dort mehrheitlich Muslime, die Stadt gilt aber als die liberalste in der Türkei.

Nein, sagt der extremistische „Islamische Staat“ (IS) und sprengt in Syrien und im Irak Heiligenschreine in die Luft. Es handelt sich also um einen Streit um Bilder. Und um die Macht der Bilder. Ganz aktuell führt der IS im Nahen Osten vor, welchen Furor religiöser Erregung Bildnisse auslösen können. Die Terrororganisation erinnert bewusst an das Mittelalter mit seinen Grausamkeiten und inszeniert sich als Sprachrohr des Propheten Mohammed. Die sunnitischen Glaubenskrieger zerstören besonders gerne steinerne Abbildungen und uralte Skulpturen, die dem Westen kulturgeschichtlich viel bedeuten. Dem IS gelten sie als unislamisch und damit als zerstörenswert. Religiöse Propaganda mit dem Presslufthammer. Der Krieg der Werte spielt sich auf dem Gebiet der Kultur ab.

Auf diese Art von Zorn gegen Bildnisse im Namen des Glaubens aber haben die sunnitischen Muslime kein Patent, es gab ihn bereits im frühen 8. Jahrhundert im Byzantinischen Reich.

Das, worüber vor fast 1300 Jahren im damals noch christlichen Byzanz, dem heutigen Istanbul, erbittert gestritten wurde, erscheint zumindest in Teilen als Vorlage für die aktuelle Auseinandersetzung. Manches aus dem frühmittelalterlichen Byzanz liest sich wie ein kulturgeschichtlicher Vorläufer zum Konflikt zwischen dem Islamismus und dem Westen. Der große Unterschied: Seinerzeit rangen Christen mit Christen.

Im Jahre 726 befahl der byzantinische Kaiser Leon III. (717 bis 741), sämtliche Bilder aus den Kirchen seines Reiches zu entfernen. Leon und seine Gelehrten deuteten kurzerhand ein furchtbares Erdbeben in der Ägäis als Gottesgericht gegen den “Götzendienst” in den Kirchen. Damit eröffnete der Herrscher einen Streit, der die katholisch-orthodoxe Kirche des vorderen Orients nahezu ein Jahrhundert lang schwer aufwühlen sollte.

Den theologischen Kern dieses Kulturkampfes bildeten Meinungsverschiedenheiten zur Schriftauslegung. Wie sollte man das alttestamentliche Bilderverbot deuten? Waren Ikonen, wie man die Heiligenbilder nennt, wichtige Stützen des Glaubens? Oder waren sie Werke des Teufels?

Es gab zwei unversöhnliche Lager: die Ikonoklasten und die Ikonodulen. Die Ikonoklasten waren die Ikonenzerstörer, heute würde man sagen: die Bilderstürmer. Die Ikonodulen waren die Ikonenverehrer. Und alle gemeinsam waren sie katholisch-orthodox.

Der Kaiser schlug sich rasch auf die Seite der Ikonoklasten, manche Forscher sagen, er tat das auch deshalb, weil er ein damals in der Region bereits existierendes islamisches Bilderverbot zu seinem Vorbild machte. Unter Leon III. wurde das Verbot aber noch nicht mit aller Härte durchgesetzt.

Das änderte sich, als sein Sohn Konstantinos V. den Thron bestieg. Was uns heute als spitzfindig, wenn nicht gar verquer vorkommt, war in Byzanz ein Totschlagsargument gegen die Bilder: Das Abbild und der Dargestellte seien zwangsläufig wesensgleich, das aber sei im Falle Jesu Christi unmöglich, weil Bilder nur seine menschliche, nicht aber seine göttliche Natur erfassen könnten. Ganz ähnlich argumentieren heute islamische Fundamentalisten.

Gottes- und Heiligenbilder waren in Byzanz plötzlich Frevel. Schlimmste Götteslästerung.

Besitz, Anfertigung und Verehrung frommer Bilder wurden ab 754 streng verfolgt, Mönche und Künstler, die von den Abbildungen nicht lassen mochten, eingesperrt und gefoltert. Die kaiserlichen Ikonoklasten zerstörten die meisten frühbyzantinischen Mosaiken, Tafelbilder und Fresken. Um die entstandene Leere zu füllen, malte man die Kirchen mit Tieren, Naturszenen oder abstrakten Symbolen aus.

Erst das 7. Ökumenische Konzil von Nicäa beschloss im Jahr 787 eine Umkehr zugunsten der Bilderfreunde, endgültig wurde die neue/alte Politik erst im Jahre 843 bestätigt. Zu tun hatte diese neue Politik auch mit der inzwischen für notwendig befundenen Abgrenzung zum in der Region immer stärker werdenden Islam.

Spätestens seit der Mitte des 9. Jahrhunderts waren Bilderanbetungen, die von der Einheit von Bild und Heiligen ausgingen, in der gesamten christlichen Welt wieder ausdrücklich erlaubt.

In Rom, dem Zentrum der weströmischen Kirche, beobachteten die Päpste Gregor III., Hadrian oder Zacharias die byzantinische Bilderstürmerei sowieso von Anfang an mit Argwohn und Kopfschütteln. In der Welthauptstadt des Christentums gehörte die Bilderverehrung schon immer zum religiösen Tagesgeschäft. Hier sollte Gottes irdischer Stellvertreter im Frühjahr 2015 sogar seine eigene Hochglanz-Zeitschrift unter dem Titel „Mein Papst“ erhalten. Aber das ist eine andere Geschichte.

Byzanz? War für die weströmische Kirche damals weit weg. Von religiösen Wirrköpfen tief im Osten ließ sich Rom nicht in seine theologischen Grundsätze reinreden.

Weil es sich in Byzanz aber um einen Glaubenskonflikt handelte, wurde anschließend Tabula rasa gemacht: Die siegreichen Ikonodulen verbrannten nahezu alle Schriften der unterlegenen Ikonoklasten. Aus Sicht der Bilderverehrer hatte das einen entscheidenden Vorteil: Als Dokumente aus dieser Zeit existieren nur noch Darstellungen der Sieger. Für eine künftige Geschichtsschreibung in ihrem Sinne eine ausgezeichnete Quellenlage. Für Historiker eher weniger.

Noch um einiges brutaler ging knapp acht Jahrhunderte später ein christlicher Kriegsherr im Bischofs-Rang mit zuvor besiegten Bilderstürmern in meiner Heimatstadt Münster um: Als die sogenannten Wiedertäufer um Jan van Leiden 1534/35 die westfälische Stadt in ihr bizarres Täuferreich verwandelten und ihr den mit viel Pathos beladenen Namen „Neues Jerusalem“ (was für ein Frevel aus bischöflicher Sicht!) gaben, zerstörten sie ebenfalls sämtliche Heiligenbilder in den Kirchen.

Der zuvor von den Täufern vertriebene Bischof Franz von Waldeck, ein ebenso zeittypischer wie machtbesessener Vertreter der Geistlichkeit ohne jeden Skrupel, war außer sich. Er belagerte „seine“ Stadt mit großer Ausdauer, eroberte sie mit Hilfe eines angeheuerten Söldnerheeres schließlich zurück und ließ van Leiden und seine Helfer öffentlich mit glühenden Zangen zu Tode foltern. Ihre malträtierten Leichname hängte der wenig zimperliche Bischof in Drahtkörben am Turm der Lambertikirche im Stadtzentrum von Münster auf. Zur Abschreckung.

In Münsters Kirchen aber hingen nun wieder Heiligenbilder an den Wänden.

Syrien, Paris, Münster oder Byzanz: So verschiedenartig die Konflikte auch sein mögen, sie haben alle eine Gemeinsamkeit: Bilder, die im Namen des Glaubens nicht gezeigt werden dürfen – oder eben doch.

Als eine Schallplatte das Christentum und den Islam vereinte

„My Life in the Bush of Ghosts“ (1981) von Brian Eno und David Byrne

Vor ein paar Tagen fand ich ein Album in meinem Schallplatten-Regal, das mich vor mittlerweile 34 Jahren mal regelrecht umgehauen hatte. Ich legte es auf meinen Thorens-Plattenspieler. Drumteppich und harte Gitarrenriffs setzten ein, eine mechanische Stimme rief: „America is waiting for a message of some sort or another.“ Schon nach wenigen Sekunden war es wieder da, dieses Glücksgefühl: So hörte sie sich an, die Zukunft der Popmusik. Damals. Im Frühling des Jahres 1981.

Die Platte, die das in mir auslöste, heißt „My Life in the Bush of Ghosts“ und stammt von Brian Eno und David Byrne. Das Faszinierende: Sie klingt noch immer kein bisschen verstaubt. Im Gegenteil, in jeder einzelnen Rille hört man, was für ein Durchbruch das damals war.

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Eine Platte, wie es sie bis dahin noch nicht gegeben hatte: „My Life in the Bush of Ghosts“ vereinte 1981 das Christentum mit dem Islam.

1981. Das Phänomen Punk war schon ein paar Jahre durch, Postpunk nannte sich das aktuelle Ding. Brian Eno galt bereits damals als einer, der über den Dingen schwebte. Er hatte sich eine Aura zugelegt, die ihn als musikalisches Wunderkind erscheinen ließ. In den frühen Siebzigern hatte er bei der Art-Rock-Formation „Roxy Music“ (mit Brian Ferry, Phil Manzanera und Andy Mackay) mitgemacht und veröffentlichte Ende des Jahrzehnts so bemerkenswerte Alben wie „Before and after Science“ (1977) oder „Music for Films“ (1978). Anfang der 80er-Jahre produzierte er zudem die „Talking Heads“, eine Band, die zwar dem Dunstkreis des Punk entstammte, aber mit dessen Drei-Akkord-Rigidität eigentlich nie so recht etwas anfangen konnte.

Unter Enos Oberaufsicht entstand 1980 mit „Remain in Light“ das wohl beste „Talking Heads“-Album. Sänger David Byrne stößt darauf vor einem flirrenden Soundteppich kryptische Wortfetzen aus, hypernervös wechselt er zwischen Sprech- und Schreigesang.

Weitgehend parallel zu den Aufnahmen von „Remain in Light“ kümmerten sich Brian Eno und David Byrne um ihr erstes gemeinsames Projekt – „My Life in the Bush oft Ghosts“. Und schufen binnen kürzester Zeit ihr zweites New-Wave-Meisterwerk.

Was „My Life…“ so einzigartig macht? Hier wächst etwas zusammen, was aus heutiger Sicht ganz und gar nicht zusammen gehört. Da trifft ein amerikanischer Radio-Evangelist auf muslimische Koran-Interpreten aus Algerien, auf einen libanesischen Gebirgsrufer folgt ein wahnsinniger Teufelsaustreiber, ägyptische Sängerinnen wechseln sich mit einem wütenden Radiohörer nebst schwer defensivem Politiker ab.

Christen und Muslime gemeinsam auf einer Platte. Vereint in friedlicher musikalischer Koexistenz.

Eno und Byrne haben diese schrägen Gestalten alle im Radio gefunden. Aber nicht in den großen Networks , sondern bei obskuren religiösen Spartensendern. Dort, auf diesen Spielwiesen für rechte Prediger und Fanatiker, sagte David Byrne einmal, gäbe es anders als im Kommerzfunk noch echte Leidenschaft.

Da lag er zweifellos richtig. Auf „The Jezebel Spirit“ etwa macht einen die Liveübertragung einer Teufelsaustreibung („Unidentified exorcist, New York, September 1980) auch heute noch sprachlos. Und wenn der libanesische Bergsänger Dunya Yusin in „Regiment“ sein monoton sägendes Organ erhebt, entsteht eine quasireligiöse Atmosphäre.

Oder das Eingangsstück „America is Waiting“. Da geigt ein hochgradig erregter Anrufer einem in Stereotypen gefangenen Politiker aber mal so richtig die Meinung.

Zu bedeuten hatte das alles – nichts. Einen theoretischen Überbau mit allerlei Erklärungs-Konstruktionen brauchten die beiden genialen Musiker 20 Jahre vor Nine-Eleven nicht. Die mit Kassettenrekordern und Tonbandgeräten aufgenommenen Stimmen standen gleichberechtigt neben, vor oder hinter den mit funkigen Elementen angereicherten kühlen Rhythmen der Postpunk-Epoche. Ein vielschichtiger Perkussionsteppich, hart gespielte E-Gitarren und Enos Synthesizer sorgen dafür, dass man sogar bei Lobpreisungen Allahs in rhythmisches Zucken verfällt. Sollte es jemals einen geglückten Versuch gegeben haben, die Kunstform der Collage zu vertonen, dann hier.

Elektro trifft den Koran, Postpunk auf Prediger und Priester. Eine solche Platte, sie wäre in unserer Zeit wohl nicht mehr möglich.

Heute sieht das dann so aus: Anfang 2015 bemüht sich der Bayerische Rundfunk im Rahmen seiner Reihe „BR-Klassik“ auf seine Weise um den Religionsfrieden. „Music for the one God“ heißt eine Veranstaltung mit Musik aus Judentum, Christentum und Islam im Münchener Gasteig. Herausgekommen ist ein Konzertprojekt mit 100 Musikern, Instrumentalisten, Sängern und Solisten. Zu hören ist vor allem sakrale Musik, zu fühlen jede Menge guter Wille. Und der BR sendet live.

Man darf davon ausgehen, dass David Byrne und Brian Eno diese Sendung eher nicht mitgeschnitten hätten.