Neonwerbung: In ein günstiges Licht gerückt

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Ist sie nicht schön, diese Neonwerbung? Man möchte unverzüglich eintreten in das Etablissement namens „Aida“ in Wien. Wer so schön wirbt, der hat auch sonst sicher einiges zu bieten.

Sie sind selten geworden in unseren Städten, die in Schwingschrift gehaltenen Werbebotschaften aus farbigen Leuchtröhren, die blinkenden Aufmerksamkeitserreger der Großstadt-Boulevards. Wohl auch deshalb interessieren sich heute Designer, Architekten und Ästheten aller Art wieder für sie.  Achim Gauger etwa betreibt mit ViennaCityTypeFace  (https://www.instagram.com/viennacitytypeface/?hl=de) einen wunderbaren Instagram-Feed, auf dem er regelmäßig seine Neon-Entdeckungen in Wien veröffentlicht. Es geht dabei um Vintage-Zeichen, die den Charakter ihrer Entstehungszeit konserviert haben. Eine treue Fangemeinde ist ihm seit Jahren sicher.

Im Internet werden Neonschriften, die jahrzehntelang über Kneipen-Eingängen und in deutschen Fußgängerzonen gehangen haben, für stolze Preise angeboten. Vor dem Abriss der Häuser haben clevere Second-Hand-Händler sie schnell noch abmontiert. Dieses Foto entstand übrigens vor einigen Jahren in Köln (keine Ahnung, ob das Neonzeichen heute noch existiert):

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In Las Vegas, der Welthauptstadt des Bling-Bling, gibt es sogar ein Museum für ausgediente Neonschilder. Das „Neon Museum“ (www.neonmuseum.org), von den Einheimischen liebevoll „Boneyard“ (Knochenfriedhof) genannt, präsentiert auf einem Wüstenflecken ein Sammelsurium spektakulärer historischer Leuchtwerbungen, die einst den „Strip“ in Szene setzten. Inmitten der glattpollierten Hotelfassaden mit ihrer LED-Beleuchtung ist der Boneyard mittlerweile eine Attraktion für alle Neon-Nostalgiker.

Die wenigen noch vorhandenen Neonwerbungen aus den Fifties pflegt die Glitzermetropole inzwischen, sie sind eine Art Alleinstellungsmerkmal. Zum Beispiel diese beiden Zeichen:

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Neon-Leuchtreklamen stammen allerdings ursprünglich nicht aus den USA. Es gibt sie bereits seit über 100 Jahren. Im Jahre 1912 – genau 14 Jahre nach der Entdeckung des Edelgases durch zwei englische Chemiker – tauchte in Paris das erste mit Neonschrift geformte Werbezeichen auf – über einem Friseursalon. Dass gerade die Haarschneide-Branche diese Art der Werbung auch heute noch schätzt, zeigt dieses Beispiel aus Münster:

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Das Potenzial des Neonlichts war jedenfalls enorm. Die Werbeindustrie stürzte sich spätestens nach dem Ersten Weltkrieg auf die flexiblen, dünnen Glasröhren und beleuchtete mit ihnen die Innenstädte und Straßenränder. Die Röhren konnten in nahezu beliebiger Art und Form gebogen werden, durch Entladung des Gases entstand das attraktive „Neonleuchten“. Schriftzüge mit zum Himmel strebenden Buchstaben und Abbildungen aller Art waren mit dieser Technik problemlos möglich. Vor allem nachts wirkt das geradezu magisch. Hier zwei Beispiele aus Münster (o.) und Kassel.

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Richtig populär wurden Neondekorationen aber nicht so sehr in Europa, sondern in den Vereinigten Staaten. Seit Anfang der 20er-Jahre geleiteten sie die frühen Automobilisten in Los Angeles zu den Coffee Shops und Drive-In-Schnellrestaurants. Neonreklamen wurden das Symbol des „american way of life“. Sie illuminierten diese Architektur der Übertreibung und demonstrativen Zurschaustellung. Das Prinzip: Wie die Motten das Licht sollten die blinkenden Neonzeichen Reisende und Kunden von ihrem Weg abbringen. Die Dynamik der amerikanischen Wirtschaftsmacht, die Verführungen des ungebremsten Konsumismus spiegelten sich in ihren wechselnden Farben. Die Burger-Buden von Los Angeles, der Casino-Lichterglanz von Las Vegas und die Neon-Orgien des Times Square in New York bestimmen unser USA-Bild bis heute.

Aber auch in Deutschland setzte sich die Neonwerbung nur wenig verzögert durch. Vor allem in Berlin überbot man sich schon in den späten 20er-Jahren mit Großanlagen an Fassaden und auf Dächern. So wie auf dem unteren Foto vom Potsdamer Platz. Im Vordergrund, das Vergnügungs-Etablissement „Haus Vaterland“, im Hintergrund links das Europahaus mit seiner gewaltigen Lichtreklame:

Foto: Bundesarchiv

1926 erregte eine Lichtwerbeanlage der Firma Odol ebenfalls am Potsdamer Platz gehörig Aufsehen: Mundwasser tropfte aus der bekannten Flasche in ein riesiges Glas. Die seinerzeit größte Neonwerbung Europas entstand 1929 am Haus Scharlachberg am Kurfürstendamm.

Berlin spielte Amerika – und leuchtete grell.

Dann waren Krieg und Finsternis. Nichts leuchtete mehr. Nach dem Zweiten Weltkrieg und mit dem einsetzenden Wirtschaftswunder der 50er-Jahre indes erholte sich auch die Lichtwerbebranche. Sie ließ die Neonreklamen tanzen und spielte ein letztes Mal verrückt. Nie waren die Buchstaben dynamischer, nie die Schriftzüge rasanter. Kinos, Hotels, Geschäfte und Gaststätten schrien die Kundschaft nur so an: „Kommt rein!“, „Trinkt mich!“, „Kauft mich!“ Hier ein schönes Kino-Beispiel aus Kassel:

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Noch einmal also erleuchteten Neonreklamen die hastig wiederaufgebauten deutschen Städte, noch einmal schienen filigrane Neonschriftzüge von den neuen Rasterbauten herab auf Brezel-Käfer und Heckflossen-Benz.

Plötzlich aber war Schluss. Acrylglaskästen mit Folienbeschriftung galten auf einmal als fortschrittlich, milchig beleuchtete Plexiglaskästen, im Siebdruckverfahren beschriftet, verdrängten spätestens in den 70er-Jahren die individuellen Neonschriften. Standardisierte Leuchtrechtecke dominierten die Nacht. Einfach produziert. Immer gleich. Mit Schwingschrift und Neonblinken brauchte man im Jahrzehnt von Räucherstäbchen und Schlaghose, Lätzchenkrawatte und Jutetapeten niemandem mehr zu kommen.

Neben den neuen transparenten Lichtkästen wirkten die Neonwerbungen bald wie Symbole einer längst vergangenen Epoche. Dass sie dann auch noch mit dem gesellschaftlichen Muff der Adenauer-Jahren in Verbindung gebracht wurden, erscheint in der Rückschau mehr als seltsam. Und ziemlich ungerecht.

Erst seit einigen Jahren erhalten Neonschriftzüge wieder die Aufmerksamkeit, die sie verdient haben. Gestalter statten trendige Bars und Szenelokale mit ihnen aus, Boutiquen und Eisdielen machen mit der leuchtenden „Schrift aus der Tube“ beschwingt Reklame. Endlich werden sie wieder in das günstige Licht gerückt, in dem sie schon mal standen. Vor 60 oder gar 90 Jahren.

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