Nach Wuppertal! – Plädoyer für eine unterschätzte Stadt

„Sag mal, was machst du eigentlich am Wochenende?“ „Ich fahre nach Wuppertal.“ „Wohin?“ „Nach Wuppertal.“ „Was um alles in der Welt willst du denn da?“

Das war der Originalwortlaut eines Telefonats mit einem Freund, zwei Tage bevor ich in mein Wuppertal-Wochenende aufbrach. Die Ahnungslosigkeit meines Freundes ist typisch für die allgemeine Ratlosigkeit im Bezug auf die Stadt im Bergischen Land. Würde mein Freund Wuppertal auch nur ein wenig kennen, er hätte sich seine Frage gespart. Und stattdessen gefragt: „Kann ich mitkommen?“

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Die Schwebebahn im Stadtteil Barmen.

In manchen Städten lässt sich Geschichte besonders gut erleben. Wuppertal ist so eine Stadt. Sie ist auf ihre ganz eigene Art eine Schönheit, wenn auch eine herbe Schönheit. Sie steckt voller vergangener Pracht und Größe. Wuppertal ist Gründerzeit. Hier lässt sich die rasante Industrialisierung Deutschlands im 19. Jahrhundert heute noch sehr gut nachvollziehen. Und das komprimiert in einem engen Tal.

Wuppertal, das sind eigentlich zwei Industriestädte. Das stolze Elberfeld und das ehrgeizige Barmen. Beide explodierten regelrecht mit der Industrialisierung. Es entstanden Fabriken entlang der Wupper, teilweise waren es Backstein-Kathedralen des Industriezeitalters.  Zwar hat der Zweite Weltkrieg schwere Lücken in beide Innenstädte im Tal gehauen, zwar erfolgte der Wiederaufbau wie nahezu überall in Westdeutschland hastig und fantasielos (Ausnahmen wie die wunderbare „Schwimmoper“ bestätigen die Regel). Und dennoch findet man neben eindrucksvollen mehrstöckigen Fabrikgebäuden noch immer alte Wohnhäuser von Heimwebern, Bleichereien, Färbereien, Bandfabriken, Futterstoffwebereien, Konfektionsbetriebe und Handelshäuser. Ganz viel Sozialgeschichte auf engstem Raum.

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Die alte Schwebebahn-Station Werther Brücke.

Man kam hierher, um zu arbeiten. Und zwar mitten in der Stadt. Denn Platz gab es wenig im engen Tal der Wupper. So standen die Fabriken und Manufakturen direkt neben den Mietskasernen der Arbeiter, die in ihrer Kompaktheit sogar an Berlin erinnern. Etwa rund um das Ölberg-Viertel.

Nur die Fabrikanten, Bankiers und leitenden Angestellten bauten sich ihre Villen in bester Hanglage. Das Briller Viertel in Elberfeld oder die Gegend rund um den Toelleturm in Barmen zeigen noch heute, wie ungeheuer reich Wuppertals Unternehmer gewesen sein müssen.

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In der Elberfelder Nordstadt.

Die Elberfelder Nordstadt und der Barmer Rott waren vor allem Quartiere für die gehobenen Angestellten. Es entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geräumige und zumeist viergeschossige Mietshäuser im Stil des Historismus und der Jahrhundertwende. Beide Stadtteile gehören zu den größten zusammenhängenden Altbaugebieten der Gründerzeit in ganz Deutschland. Reihenweise stehen die Häuser unter Denkmalschutz. Man sollte hier unbedingt einen Spaziergang machen!

Der – bei den meisten Bewohnern ziemlich unpopuläre – Zusammenschluss der Städte Elberfeld und Barmen nebst den Umlandgemeinden zur Zeit der Weimarer Republik machte aus zwei aufstrebenden, miteinander scharf konkurrierenden Großstädten eine mächtige Industriestadt. Das neue, fast 20 Kilometer lange Gebilde brauchte den Vergleich mit den nahen Ruhrgebietsstädten nicht zu scheuen. Elberfeld mit seinen gut 173.000 Einwohnern und Barmen mit 190.000 Bewohnern plus einiger Nachbarorte – das ergab am 1. Januar 1929 eine Großstadt mit etwa 415.000 Bewohnern.

Man stellte jetzt etwas dar in Deutschland.

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Altbauten im Barmer Stadtteil Rott.

Die damals noch eigenständige Stadt Elberfeld leistete sich bereits um 1900 mit der Stadthalle einen Prunk- und Zierbau der italienischen Neorenaissance, der als Zeichen ihres Selbstbewusstseins und Wohlstands verstanden werden sollte. Wer einmal die Säle und Flure im Inneren gesehen hat, weiß, was gemeint war. Eine kleine Semperoper im Bergischen Land.

Oder die Schwebebahn, dieses einzigartige Massentransportmittel. Und das sicherste dazu. Man gleitet über die Wupper, vorbei an teils reich verzierten Fabriken, klassizistischen Fassaden und verklinkerten Manufakturen. Die 13,3 Kilometer lange Strecke von Oberbarmen bis Vohwinkel bietet eine perfekte Stadtrundfahrt. Immerhin konnten sich Elberfeld und Barmen schon 1901 auf dieses revolutionäre Verkehrsmittel als Bindeglied zwischen den rivalisierenden Städten verständigen. Noch während der Bauphase unternahm Kaiser Wilhelm II. am 24. Oktober 1900 eine Probefahrt mit der Schwebebahn. Majestät sollen begeistert gewesen sein.

Das Luisenviertel – Wuppertals beliebteste Ausgehmeile – wird wegen seiner ebenfalls in weiten Teilen erhaltenen klassizistischen Bebauung und der typisch bergisch verschindelten Fassaden auch als Elberfelder Altstadt bezeichnet.

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Die Schwebebahn-Endstation in Vohwinkel.

Die Stadt besitzt sage und schreibe 4500 eingetragene Baudenkmäler, mehr hat in Nordrhein-Westfalen nur Köln zu bieten. Noch in den 1960er-Jahren lebten deutlich über 420.000 Menschen in der langgezogenen Ansiedlung, heute hat Wuppertal nicht einmal mehr 345.000 Einwohner. Und doch wirkt hier alles noch immer überaus großstädtisch.

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Wuppertal-Werbeplakat aus den 30er-Jahren.

Wenn es stimmt, dass qualitätvolle Architektur Wohlbefinden auslöst, dann bekommt man in dieser unterschätzten Stadt zumindest abseits der Fußgängerzonen richtig gute Laune. Also: Fahrt nach Wuppertal! Schaut euch die vielen gründerzeitlichen Viertel an. Es gibt sie so in ganz Nordrhein-Westfalen kein zweites Mal zu sehen. Durchquert die Stadt mit der herrlich schaukelnden Schwebebahn. Lasst es euch abends im Luisenviertel gut gehen.

Und lernt diese Stadt zu lieben.

 

Post scriptum: Nein, ich bekomme für diesen Beitrag kein Geld von der Wuppertal Touristik!

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