Als eine Schallplatte das Christentum und den Islam vereinte

„My Life in the Bush of Ghosts“ (1981) von Brian Eno und David Byrne

Vor ein paar Tagen fand ich ein Album in meinem Schallplatten-Regal, das mich vor mittlerweile 34 Jahren mal regelrecht umgehauen hatte. Ich legte es auf meinen Thorens-Plattenspieler. Drumteppich und harte Gitarrenriffs setzten ein, eine mechanische Stimme rief: „America is waiting for a message of some sort or another.“ Schon nach wenigen Sekunden war es wieder da, dieses Glücksgefühl: So hörte sie sich an, die Zukunft der Popmusik. Damals. Im Frühling des Jahres 1981.

Die Platte, die das in mir auslöste, heißt „My Life in the Bush of Ghosts“ und stammt von Brian Eno und David Byrne. Das Faszinierende: Sie klingt noch immer kein bisschen verstaubt. Im Gegenteil, in jeder einzelnen Rille hört man, was für ein Durchbruch das damals war.

platte1

Eine Platte, wie es sie bis dahin noch nicht gegeben hatte: „My Life in the Bush of Ghosts“ vereinte 1981 das Christentum mit dem Islam.

1981. Das Phänomen Punk war schon ein paar Jahre durch, Postpunk nannte sich das aktuelle Ding. Brian Eno galt bereits damals als einer, der über den Dingen schwebte. Er hatte sich eine Aura zugelegt, die ihn als musikalisches Wunderkind erscheinen ließ. In den frühen Siebzigern hatte er bei der Art-Rock-Formation „Roxy Music“ (mit Brian Ferry, Phil Manzanera und Andy Mackay) mitgemacht und veröffentlichte Ende des Jahrzehnts so bemerkenswerte Alben wie „Before and after Science“ (1977) oder „Music for Films“ (1978). Anfang der 80er-Jahre produzierte er zudem die „Talking Heads“, eine Band, die zwar dem Dunstkreis des Punk entstammte, aber mit dessen Drei-Akkord-Rigidität eigentlich nie so recht etwas anfangen konnte.

Unter Enos Oberaufsicht entstand 1980 mit „Remain in Light“ das wohl beste „Talking Heads“-Album. Sänger David Byrne stößt darauf vor einem flirrenden Soundteppich kryptische Wortfetzen aus, hypernervös wechselt er zwischen Sprech- und Schreigesang.

Weitgehend parallel zu den Aufnahmen von „Remain in Light“ kümmerten sich Brian Eno und David Byrne um ihr erstes gemeinsames Projekt – „My Life in the Bush oft Ghosts“. Und schufen binnen kürzester Zeit ihr zweites New-Wave-Meisterwerk.

Was „My Life…“ so einzigartig macht? Hier wächst etwas zusammen, was aus heutiger Sicht ganz und gar nicht zusammen gehört. Da trifft ein amerikanischer Radio-Evangelist auf muslimische Koran-Interpreten aus Algerien, auf einen libanesischen Gebirgsrufer folgt ein wahnsinniger Teufelsaustreiber, ägyptische Sängerinnen wechseln sich mit einem wütenden Radiohörer nebst schwer defensivem Politiker ab.

Christen und Muslime gemeinsam auf einer Platte. Vereint in friedlicher musikalischer Koexistenz.

Eno und Byrne haben diese schrägen Gestalten alle im Radio gefunden. Aber nicht in den großen Networks , sondern bei obskuren religiösen Spartensendern. Dort, auf diesen Spielwiesen für rechte Prediger und Fanatiker, sagte David Byrne einmal, gäbe es anders als im Kommerzfunk noch echte Leidenschaft.

Da lag er zweifellos richtig. Auf „The Jezebel Spirit“ etwa macht einen die Liveübertragung einer Teufelsaustreibung („Unidentified exorcist, New York, September 1980) auch heute noch sprachlos. Und wenn der libanesische Bergsänger Dunya Yusin in „Regiment“ sein monoton sägendes Organ erhebt, entsteht eine quasireligiöse Atmosphäre.

Oder das Eingangsstück „America is Waiting“. Da geigt ein hochgradig erregter Anrufer einem in Stereotypen gefangenen Politiker aber mal so richtig die Meinung.

Zu bedeuten hatte das alles – nichts. Einen theoretischen Überbau mit allerlei Erklärungs-Konstruktionen brauchten die beiden genialen Musiker 20 Jahre vor Nine-Eleven nicht. Die mit Kassettenrekordern und Tonbandgeräten aufgenommenen Stimmen standen gleichberechtigt neben, vor oder hinter den mit funkigen Elementen angereicherten kühlen Rhythmen der Postpunk-Epoche. Ein vielschichtiger Perkussionsteppich, hart gespielte E-Gitarren und Enos Synthesizer sorgen dafür, dass man sogar bei Lobpreisungen Allahs in rhythmisches Zucken verfällt. Sollte es jemals einen geglückten Versuch gegeben haben, die Kunstform der Collage zu vertonen, dann hier.

Elektro trifft den Koran, Postpunk auf Prediger und Priester. Eine solche Platte, sie wäre in unserer Zeit wohl nicht mehr möglich.

Heute sieht das dann so aus: Anfang 2015 bemüht sich der Bayerische Rundfunk im Rahmen seiner Reihe „BR-Klassik“ auf seine Weise um den Religionsfrieden. „Music for the one God“ heißt eine Veranstaltung mit Musik aus Judentum, Christentum und Islam im Münchener Gasteig. Herausgekommen ist ein Konzertprojekt mit 100 Musikern, Instrumentalisten, Sängern und Solisten. Zu hören ist vor allem sakrale Musik, zu fühlen jede Menge guter Wille. Und der BR sendet live.

Man darf davon ausgehen, dass David Byrne und Brian Eno diese Sendung eher nicht mitgeschnitten hätten.

2 Kommentare

Schreibe einen Kommentar zu Henning Antworten abbrechen

Pflichtfelder sind mit * markiert.