Die Frau auf dem Bild

Drei Frauen und sechs Männer sitzen erwartungsfroh in einem offenen Bus. Eine weitere Frau steht vor dem Gefährt. Alle tragen Hüte und sind auch sonst ziemlich seriös gekleidet. Die Gruppe wartet darauf, zu einer Stadtrundfahrt durch Bremen zu starten. Das Foto mit der kleinen Reisegruppe bildet den Kopf dieses Blogs. Es erzählt seine eigene Geschichte, die zugleich auch ein Stück meiner Familiengeschichte ist.

Es ist der 22. August 1927. Die vierte Person von links im Rundfahrtwagen ist Elsa Hagel. Meine Großtante. Gemeinsam mit ihrem Mann Wilhelm – Fünfter von links auf dem Foto – geht sie im Sommer 1927 in Bremerhaven an Bord des Passagierdampfers „Dresden“. Das Ziel: New York und die USA. Meine Tante und mein Onkel, Inhaber eines Textilwarenhauses im westfälischen Emsdetten, wollen nicht auswandern wie so viele andere Deutsche zu dieser Zeit. Sie freuen sich auf einen Urlaub in den Vereinigten Staaten. Der ist 1927 für Deutsche ebenso ungewöhnlich wie teuer. Tante Elsa und Onkel Wilhelm aber können ihn sich leisten, ihr Wäschegeschäft floriert. Bevor es in Bremerhaven aufs Schiff geht, schaut sich das Ehepaar noch schnell Bremen an. Und lässt sich fotografieren.

Später hat meine Großtante uns Kindern oft von dieser Reise erzählt. Von den Wolkenkratzern in New York und vom Luftschiffhafen in Lakehurst, den sie knapp zehn Jahre vor der Zeppelin-Katastrophe der „Hindenburg“ besichtigte. Als sie Ende der 80er-Jahre starb, bekam ich das Fotoalbum dieser Reise. Es ist mir bis heute eine wertvolle Erinnerung an sie und an eine Zeit, in der USA-Reisen alles andere als selbstverständlich waren.