Die Postkarte – WhatsApp des Kaiserreichs

Man darf Ernst Heinrich Wilhelm Stephan getrost als Pionier der modernen Massenkommunikation bezeichnen. Aber anders als Bill Gates oder Mark Zuckerberg kennt ihn heute kaum jemand. Der Mann war Generalpostdirektor des Norddeutschen Bundes und ab 1871 auch des neu gegründeten Deutschen Reiches. Und er hat ein Kommunikationsmittel eingeführt, das in seiner Bedeutung mit den heutigen elektronischen Diensten SMS, WhatsApp, Twitter oder Facebook vergleichbar ist.

Die Postkarte.

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Ansicht der Museumsinsel in Berlin um 1910.

Postkarten und SMS oder WhatsApps sind verwandt, sie sind wie Großeltern und Enkelkinder. Auch wenn das auf den ersten Blick widersinnig scheint.

Anfangs hieß die Postkarte in Deutschland noch „Correspondenzkarte“. Otto von Bismarck persönlich erlaubte ihre Einführung im Sommer 1870. Aus gutem Grund: Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 wollten die Soldaten an der Front ihre Lieben in der Heimat wenigstens nochmal grüßen bevor sie den Heldentod starben, die Postkarte machte das erstmals millionenfach möglich.

Reichspostminister Stephan hatte erkannt, wie gut sich die relativ stabilen Pappkarten für den massenhaften Transport eigneten. Dabei war die Postkarte zunächst heftig umstritten. Hohe preußische Beamte stellten sich quer, „wegen sittlicher Bedenken aufgrund der offenen Lesbarkeit jeglicher Korrespondenz“ wie es seinerzeit hieß. Sehr unziemlich, das.

Bis dato gab es – bis auf wenige Postkarten-Vorläufer in den USA und Österreich-Ungarn – nur den Brief als Mittel der Kommunikation zwischen Privatpersonen. Wer private Dinge loswerden wollte, musste Briefe schreiben. Viele Menschen empfanden das zunehmend als zu umständlich. Die Postkarte vereinfachte alles. Briefmarke, Anschrift und eine knapp gehaltene Botschaft, fertig! Vor allem in den Kriegen – und davon sollte das deutsche Reich zwischen 1870 und 1945 gleich drei führen – war die Postkarte für die Soldaten die Verbindung zur Heimat.

Zurück zu Generalpostdirektor Stephan. Er schloss in den Jahren nach den Einigungskriegen Abkommen mit zahlreichen anderen Ländern, überall wurde die Postkarte zugelassen. Bereits um 1880 hatte sie sich über weite Teile der Erde verbreitet.

„In den Anfangsjahren verschickten die Leute ihre Karten noch ohne Abbildungen“, sagt Henning Stoffers. Der Münsteraner weiß eine Menge über die Geschichte der Postkarte und besitzt selbst eine beachtliche Sammlung. „Erst mit dem Aufkommen der Fotografie gab es auch Bildpostkarten,  also klassische Ansichtspostkarten.“ Ab dem späten 19. Jahrhundert setzten sie sich weltweit durch. Neue Druckverfahren sorgen für millionenfache Produktion. Humoristische und patriotische Motive kamen zu den reinen Ansichten hinzu.

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Pfingstgrüße um 1910.

Anlässe, eine Postkarte zu verschicken, gab es ohne Ende: „vaterländische Ereignisse“  wie Sedantag und Kaisergeburtstag, Ostern, Weihnachten oder einfach nur der Wunsch, seine Liebste zu grüßen. Blöderweise konnten andere Menschen etwaige Lieberschwüre mitlesen, es gab ja keinen Briefumschlag. Und anders als heute bisweilen auf Facebook zu beobachten, störte das damals etliche Zeitgenossen.

Deshalb erfanden sie die Briefmarkensprache. Das muss ungefähr um 1900 gewesen sein, ganz genau weiß es niemand mehr. Verliebte klebten beispielsweise die Briefmarke nicht fein säuberlich in die rechte obere Ecke, sondern kippten sie nach rechts. „Innige Küsse!“ sollte das bedeuten. Stand die Marke auf dem Kopf,  hieß das: „Ich liebe dich!“ Wenn die Marke auf der Seite lag, bat der Schreiber: „Vergiss mich nicht!“

Bei WhatsApp und anderern Diensten gibt’s dafür heute Herzchen, Kussmund und viele andere Emojis.

Erst um 1905 herum lockerte sich die öffentliche Moral ein wenig, jetzt trauten sich die Deutschen auch mal, Privateres als nur flüchtige Grüße auf ihre Karten zu schreiben. Dass der Briefträger und die Nachbarn im Hausflur das womöglich mitlesen konnten? Was soll’s!

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Postkarte an „Fräulein Elsa Kohl“ aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Um 1900 wurden im Deutschen Reich jährlich nahezu eine Milliarde Postkarten verschickt. Sie waren selten länger als einen Tag unterwegs. Heinrich Stephan und seine Nachfolger hatten ein hocheffizientes Zustellsystem, einen ganz eigenen Dienstleistungszweig entwickelt. Die Post kam vor dem Ersten Weltkrieg in der Regel drei Mal täglich, in den Großstädten teilweise noch häufiger. Verstopfte Briefkästen waren trotzdem an der Tagesordnung.

Postkarten wurden mit Expresszügen binnen eines Tages von Garmisch nach Flensburg transportiert. „Es kam vor, dass man per Postkarte an einem Tag einen Termin verabreden konnte“, sagt Henning Stoffers. Seinerzeit ein ähnlicher Quantensprung bei der Überwindung von Raum und Zeit wie wenige Jahrzehnte zuvor die Einführung der Eisenbahn.

In den beiden Weltkriegen verschickten die Landser millionenfach Feldpostkarten,  auch das eine Form der Ansichtspostkarte, meist portofrei und bedruckt mit heroischen Szenen, die so gar nichts mit der Realität in den Schützengräben zu tun hatten.

erster weltkrieg

Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg.

Die goldene Zeit der Ansichtspostkarte lässt sich etwa zwischen 1897 und 1918 datieren. Inzwischen gab es Farbdrucke, so dass die ursprünglich schwarzweißen Motive nachträglich koloriert werden konnten. Zu dieser Zeit schickte man gerne Karten von Reisen oder Ausflügen, vorzugsweise von besonders schönen Stadt- oder Landschaftsmotiven. Die Absicht war die gleiche wie bei unseren heutigen Selfies auf Facebook: „Schaut her, so gut geht es mir gerade!“

Fabrikanten und das aufstrebende Bürgertum verschickten Ansichtskarten von ihren herrschaftlichen Häusern („Schaut her, so schön wohne ich!“). Bildungsbürger sandten Ansichten vom Grünen Hügel in Bayreuth oder vom Deutschen Eck in Koblenz („Schaut her, so kulturbeflissen bin ich!“).

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Ansichtskarte vom „Deutschen Eck“ mit Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Koblenz.

Auch später blieb die Postkarte beliebt. In der Weimarer Republik ebenso wie im Dritten Reich. Eine letzte Blütezeit erlebte sie mit dem Wirtschaftwunder und der beginnenden Reisewelle der 1950er-Jahre. Ein postkartenschöner Urlaubsgruß vom Riviera-Örtchen Portofino steigerte den Neidfaktor der Daheimgebleibenen garantiert ins Unermessliche.

whatsApp

SMS von heute: schneller, aber auch schlichter.

Später musste sich die Postkarte vieles anhören: Sie sei der Biedersinn auf Karton, das Kitschmedium des kleinen Mannes. Doch auch Telefon und Fax konnten sie nicht verdrängen. Das schaffte erst unser digitales Zeitalter mit seinen Smartphones und sozialen Netzwerken. Im Jahr 1982 verschickten die Deutschen noch immer weit über 800 Millionen Postkarten, heute sind es gerade mal ein paar Hunderttausend. Die Postkarte hat allenfalls noch als Vintage-Medium eine gewisse Bedeutung, ähnlich der Schallplatte aus Vinyl: Man nutzt sie der besonderen individuellen Note wegen.

Hat gerade mal jemand eine Briefmarke zur Hand?

 

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Postkarte vom „Deutschen Rundflug 1911“.

 

(PS: Wertvolle Informationen für diesen Text habe ich von Henning Stoffers erhalten, auf dessen kurzweilige Internetseite www.sto-ms.de zur Geschichte der Stadt Münster ich hier sehr gerne verweise. Und er machte mich noch auf diesen Aspekt aufmerksam: Postkarten seien mitunter bedeutende und auch historische Zeitdokumente. So seien zum Beispiel zerstörte, abgerissene oder veränderte Baudenkmäler, Häuser, Straßenzüge und Ähnliches auf diese Weise der Nachwelt erhalten geblieben. Sie gäben Auskunft über eine längst vergangene Zeit. Ohne Postkarte wäre vieles unwiederbringbar verloren.)

 

 

2 Kommentare

  1. Guten Tag Herr Kollege,
    das sind ja beeindruckend tolle und interessante Artikel hier,
    kurzweilig geschrieben, und en passant ist man nach der Lektüre wieder um Einiges schlauer – toll!
    Herzliche Grüße – frohe Festtage wünscht
    Türmerin Martje Saljé

    • Oh, wie nett! Ganz herzlichen Dank für die lobenden Worte, freut mich wirklich sehr. Henning Stoffers hat mir gerade mitgeteilt, dass ich am 28.12. mit auf den Lambertiturm darf. Großartig! Dann lernen wir uns mal kennen.
      Liebe Grüße und frohe Weihnachten!
      Michael Hagel

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