Als man Flüchtlinge noch Auswanderer nannte

Vergangene Woche zeigte meine Mutter mir einen Artikel aus ihrer Lokalzeitung. Eine große Sporthalle in ihrem Heimatort Emsdetten sei kurzerhand zur Flüchtlingsunterkunft gemacht worden, war darin zu lesen. Sie wisse gar nicht, wo das alles noch hinführen solle, sagte meine Mutter. Ich fragte sie, was sie genau meine, und sie sagte: „Na, das mit den vielen Flüchtlingen!“

Die Flüchtlinge bestimmen in diesen Wochen die Diskussionen, selbst bei meiner 84-jährigen Mutter, die sich zeitlebens nie sonderlich für Politik interessiert hat. Warum kommen so viele hierher? Wer darf bleiben? Und wie sollen wir mit ihnen umgehen? Vielleicht hilft bei der Debatte ein Blick zurück in unsere Vergangenheit. In meinem Fall geht der Blick zurück auf die eigene Verwandtschaft. Auf Edmund Kohl.

Er lebte von 1894 bis 1960 und war ein Onkel meines Vaters, also mein Großonkel. Und er verließ seine Heimat Deutschland, verließ seinen Heimatort, an dem er doch so sehr hing. Ein Wirtschaftsflüchtling in einer Zeit, als es den Begriff noch gar nicht gab.

Damals hießen Flüchtlinge noch Auswanderer. Sie kamen nicht aus Syrien, Libyen, Albanien oder Afghanistan, sondern aus Deutschland. Sogar aus Emsdetten. Ihr Ziel war das Sehnsuchtsland des 19. und frühen 20. Jahrhundert: die USA.

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Dieses Foto von Edmund Kohls Schwester Elsa Hagel aus dem Jahr 1927 zeigt Deutsche, die in die USA ausgewandert waren.

Auch für Edmund Kohl, meinen Großonkel, muss das so gewesen sein. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, nach dem „Diktat von Versailles“, wie die Deutschen den Friedensschluss der siegreichen Westmächte mit ihnen nannten, sahen junge Menschen wie er keine Zukunft im Deutschen Reich. Immense Reparationsforderungen strangulierten das Land, Massenarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit erstickten jede Hoffnung.  Deutschland hatte in den Jahren nach 1918 als Habitat für eine bürgerliche Wohlstandsgesellschaft ausgedient.

1914, in dem Jahr, als der Erste Weltkrieg begann, hatte Edmund Kohl sein Abitur gemacht. Er begann ein Medizinstudium in Heidelberg, unterbrach es aber bei Kriegsbeginn und meldete sich als Freiwilliger. In verschiedenen Lazaretten erlebte er, was dieser erste wirklich moderne Krieg mit den Menschen machte.

Nach dem Krieg studierte Edmund Kohl in Münster und Breslau weiter, 1921 legte er sein medizinisches Staatsexamen mit der seinerzeit seltenen Note „sehr gut“ ab. Im Mai 1922 promovierte er ebenfalls in Breslau.

Glänzende Voraussetzungen für eine Karriere als Mediziner, sollte man meinen. Aber die Zeiten waren nicht danach. Kohl arbeitete für einen kargen Lohn in der Inneren Abteilung eines Breslauer Krankenhauses. Es reiche kaum zum Überleben, schrieb er seinen Eltern in Emsdetten, aber man müsse froh sein, überhaupt eine Anstellung zu haben.

Hohe Reparationszahlungen an die Alliierten, eine galoppierende Inflation, wirtschaftliche Depression und Massenarmut ließen den jungen Arzt zu dem Schluss kommen: „In Deutschland gibt es keine Zukunft für mich.“

Etwa um diese Zeit besuchte sein Onkel Josef Süßmuth die Familie Kohl in Emsdetten. Er war bereits 1913 nach Amerika ausgewandert und hatte dort eine Textilfirma gegründet. So hatte er es binnen weniger Jahre in Bridgeport/Connecticut zu einigem Wohlstand gebracht. Die schwärmerischen Erzählungen seines Onkels von den großartigen Möglichkeiten in den USA dürften Edmund Kohls Auswanderergedanken weiter befeuert haben.

Als sich Süßmuth auch noch anbot, ihm bei der Einreise und der Eingewöhnung zu helfen, war für Kohl klar: „Ich gehe nach Amerika!“

Dass seine Zulassung als Mediziner in den USA nicht anerkannt wurde und er dort sämtliche Prüfungen wiederholen musste – egal. Dass ihm eine damals schon beinahe entwürdigende Prozedur auf der New Yorker Einwanderer-Insel Ellis Island bevorstand – nicht so schlimm. Hauptsache raus aus Deutschland.

Amerikanische Zeitungen schrieben Anfang der 20er-Jahre von einem „Massenexodus“ der Deutschen in die USA. Edmund Kohl war ein Teil davon. Es lockte der „American Dream“ vom finanziellen Glück.

Am 13. September 1922 bestieg mein Großonkel in Hamburg die „Oropesa“. Über Southampton ging es in der Dritten Klasse des Passagierschiffs nach New York.  Auf Ellis Island wurde er von den amerikanischen Einwanderungsbehörden auf Herz und Nieren untersucht. Er habe ausreichend Geld dabei und sei weder Polygamist noch Anarchist, gab er zu Protokoll. Für etliche seiner Mitreisenden aber war bereits hier der Traum vom neuen Leben ausgeträumt. Ihnen wurde die Einreise verweigert.

Edmund Kohl kam durch. Vor allem, weil ihm sein Onkel Josef Süßmuth in den USA von Anfang an beistand. Er bezahlte die Überfahrt, und er gab ihm die von europäischen Immigranten geforderten 50 Dollar Startkapital. Mit eigenen Mitteln hätte Kohl das in Zeiten der Hyperinflation nicht hinbekommen: Ein Dollar war damals gut 40 Milliarden Mark wert!

Süßmuth besorgte dem jungen Auswanderer auch seine erste Stelle: Edmund Kohl arbeitete in den ersten Jahren in Amerika als Buchhalter in der Textilfirma seines Onkels. Parallel dazu absolvierte er die medizinischen Prüfungen, die ihn dazu berechtigten, als Arzt in den USA zu arbeiten.

Schon nach wenigen Jahren hatte Edmund Kohl in seiner neuen Heimat nicht nur Fuß gefasst,  es ging ihm sogar richtig gut. Als er im Sommer 1926 Margaret Vogelbacher – ebenfalls eine deutsche Auswanderin – heiratete, gab es bei der Hochzeitsfeier „Westfalian Ham á la Emsdetten“, was nichts anderes als Westfälischer Schinken war.

Den Kontakt zu seiner Heimat brach er nie ab. Im Gegenteil: Als viele Emsdettener nach dem Zweiten Weltkrieg in Not waren, schickte er mehrfach Lebensmittelpakete und andere Sachspenden. Bis heute hält die Stadt sein Andenken in Ehren.

Edmund Kohls Auswanderergeschichte ist vor allem eines: die Geschichte der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Ich fragte meine Mutter dann noch, ob sie glaube, dass Edmund Kohl damals in den USA auf ähnliche Vorurteile oder sogar Hass gestoßen sei wie viele Flüchtlinge es in Teilen unseres Landes gerade erleben müssen.  Sie überlegte eine Weile und meinte dann, dass sie es nicht wisse.

Aber sie glaube es nicht.

PS: Die damalige Emsdettener Oberstufenschülerin Ann-Katrin Heitjans hat sich im Jahre 2003 im Rahmen eines Geschichtswettbewerbs intensiv mit Edmund Kohls Lebensgeschichte befasst. Dieser Text stützt sich in Teilen auf ihre Arbeit.

 

4 Kommentare

  1. Hallo Michael,

    beeindruckende Geschichte im richtigen Moment. Ich danke dir dafür – das ist aus meiner Sicht extrem wertvolle Aufklärungsarbeit. Ich habe in unserem Live-Blog über die Flüchtlingssituation in Selm auf dich verlinkt. (siehe Link oben)

    Beste Grüße, Tobias.

    • Hallo Tobias,
      danke für das nette Kompliment. Ich glaube, solche Beispiele gibt es viele. Freut mich sehr, dass du den Text in eurem Live-Blog verlinkt hast.
      Beste Grüße,
      Michael

  2. Deine Geschichte sollten mal all die lesen, die sich so sehr über Flüchtlinge aufregen! Und hier vor allem die, die behaupten: Ich habe ja nichts gegen Flüchtlinge, aber diese Wirtschaftsflüchtlinge, die sollen hingehen, wo der Pfeffer wächst, die haben in meinem Land nichts verloren, die wollen sich doch nur auf unsere Kosten bereichern. Nein! Sie wollen für sich und ihre Familien ein besseres Leben – so wie dein Großonkel es wollte! Wer mag ihnen das verübeln?

    • Dankeschön! Ja, da hast du vollkommen recht. Flüchtling ist nicht eben gleich Flüchtling…

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