Sorgen um Europa – damals wie heute

“Hat Europa noch eine Zukunft? Es sind viele, die mir schon diese Frage gestellt haben. Und ich hatte nicht immer den Eindruck, dass es die Oberflächlichsten oder die Dümmsten waren.”

Dies ist kein Zitat aus der aktuellen Debatte um Europas Umgang mit den Flüchtlingen. Es stammt nicht von Horst Seehofer und auch nicht von Hans-Werner Sinn. Der Publizist Ernst Friedlaender hat das gesagt, vor rund 60 Jahren. Sorgen um die Zukunft unseres Kontinents gab es damals wie heute.

Es steht nicht gut um Europa in diesen Tagen. 65 Jahre nach Beginn der europäischen Integration ist nicht mehr viel übrig geblieben von der Euphorie, mit der nach dem verheerenden Zweiten Weltkrieg ein Europa der Freiheit, des Friedens und des Wohlstands gebaut werden sollte. Vor allem das Gemeinsame – lange Zeit so etwas wie das Selbstverständnis der EU – ist nahezu vollständig abhanden gekommen.

Erst die vor allem geostrategisch motivierte Aufnahme zahlreicher postsozialistischer Staaten in die Nato und die EU, mit der man Russland nachhaltig verärgerte, danach die Kreditblasen in den südeuropäischen Ländern, die, nachdem sie geplatzt waren, die Wettbewerbsfähigkeit etlicher Volkswirtschaften massiv gefährdeten. Später die Griechenland-Krise, an der sich Spekulanten und Hedgefonds gerne bereicherten und die mit vielen Milliarden an Krediten mühsam abgemildert werden musste.

Und dann die Flüchtlinge. Während Länder wie Deutschland oder Schweden sich lange aufnahmebereit zeigten, war es mit der Solidarität vieler anderer Staaten nicht weit her. EU-Agrarsubventionen? Sehr gerne! Gemeinsames Handeln in der Krise? Lieber nicht! Merkels “Wir schaffen das!” setzen EU-Staatschefs aus Ungarn, Polen und anderen ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten ein “Wir wollen das aber gar nicht schaffen!” entgegen.

Es geht heute nicht mehr nur darum, Wohlstand zu schaffen oder zu mehren, sondern darum, Wohlstand zu teilen. Diese Erkenntnis aber gefällt im Europa dieser Tage vielen ganz und gar nicht. So zerstritten und desillusioniert, so ermattet und ratlos wie zurzeit wirkte Europa, der Westen generell, seit über 70 Jahren nicht mehr – trotz des fragwürdigen EU-Türkei-Abkommens vor einigen Tagen.

Noch ein paar Wahlen, die in die Hose gehen, Trump in den USA, der Front National in Frankreich, weitere rechtsnationale Erschütterungen in Deutschland, England oder Österreich, und die westliche Wertegemeinschaft schafft sich selbst ab.

Dabei war vor allem die europäische Einigung über viele Jahrzehnte ein Erfolgsmodell. Ein Kontinent kam sich näher, weil er gemerkt hatte, dass es so wie bisher nicht mehr ging. Weil er sich ausgeblutet hatte in zahlreichen nationalstaatlich begründeten Kriegen. Unter dem anfangs sanften Druck der Amerikaner schloss man sich in Verbänden und Institutionen zusammen, 1951 im Wirtschaftsverband “Montanunion”, 1954 in der Europäischen Verteidigungsgemeinschaft (die trotz Nato formal bis 2011 fortbestand), 1957 in der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), 1993 in der Europäischen Gemeinschaft (EG), aus der 2009 die heutige Europäische Union (EU) hervorging.

Von Anfang an war die junge Bundesrepublik Deutschland dabei, was damals keineswegs selbstverständlich war. Wenige Jahre nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus tasteten sich die Deutschen vorsichtig zurück in den Kreis der zivilisierten Nationen. Die Strahlkraft dieser frühen Staatenbünde war so hell, die Verheißung so groß, dass immer mehr Länder mitmachen wollten bei der sich abzeichnenden politischen wie wirtschaftlichen Erfolgsgeschichte eines nicht mehr ausschließlich in nationalen Kategorien denkenden Kontinents. Ziemlich geräuschlos entstand nach und nach eine Zone des Friedens – und der lange Zeit größte Binnenmarkt der Erde.

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Bücher priesen in den Fünfziger Jahren voller Enthusiasmus die beginnende europäische Einigung.

Und doch war die Einigung Europas damals von Skepsis, Zweifeln und Befürchtungen begleitet. “Können traditionelle Erzfeinde wie Frankreich und Deutschland überhaupt dauerhaft freundschaftlich miteinander auskommen?”, fragte man sich wenige Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs. “Und welche Anstrengungen müssen wir unternehmen, um uns nicht wieder zu entfremden? Was für Regeln brauchen wir dafür?” Zu lange hatte man sich in Europa gegenseitig totgeschossen, um vorbehaltlos an ein friedliches Europa zu glauben.

Deshalb wurden die Politik flankierende Organisationen gegründet, deren Zweck die Völkerverständigung war. Eine Vielzahl an Publikationen, an Zeitschriften und Büchern sollten den europäischen Gedanken auch bei jenen Eben-noch-Volksgenossen verankern, die vor gar nicht allzu langer Zeit noch Parolen wie “Jeder Stoß ein Franzos, jeder Tritt ein Brit, jeder Schuss ein Russ” auswendig aufsagen konnten.

Die Europa-Union war so ein Zusammenschluss überzeugter Europäer. Sie wurde bereits 1946 gegründet und verstand sich als überparteiliche, überkonfessionelle und unabhängige politische Nichtregierungsorganisation für ein föderalistisches Europa. In ihren Schriften und Büchern warb sie – damals sehr modern – für ein supranationales, friedliches und offenes Europa und die Überwindung der Nationalstaaten. So auch in ihrem 1955 erschienen Buch “Europa – Länder, Männer, Abenteuer” (heute würde man “Männer” wohl durch “Menschen” ersetzen).  Darin nannte der Deuschland-Vorsitzende der Organisation, der seinerzeit bekannte “Zeit”-Journalist Ernst Friedlaender, Europa schon vor 60 Jahren “unser gemeinsames Vaterland”.

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Die Segel gesetzt und volle Kraft voraus: Mit diesem Buch wollte die Europa Union Mitte der Fünfziger Jahre Begeisterung für die Völkerverständigung wecken.

In diesen Büchern quoll aus jeder Seite die Begeisterung für ein gemeinsames, tolerantes und freies Europa. Es wurden Menschen vorgestellt, die sich mit ihren Worten und Taten für den europäischen Gedanken und für die Völkerverständigung eingesetzt hatten. Der legendäre Berliner Bürgermeister Ernst Reuter etwa, oder auch der britische Premierminister Winston Churchill. Vor allem aber forderten die Autoren voller Überzeugung weitere Schritte zur Einigung Europas.

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Kategorischer Imperativ: “Schlagbaum hoch!” nannte sich Ende der Fünfziger und Anfang der Sechziger Jahre eine ADAC-Zeitschrift.

Offene Grenzen standen dabei ganz oben auf der Wunschliste – vor 60 Jahren, als sich die Autos wie selbstverständlich an den Schlagbäumen stauten, unrealistischer als ein bemannter Flug zum Mars.  Man muss tatsächlich über 60 Jahre zurückgehen und die damaligen Debatten nachlesen, um zu verstehen, was für eine grandiose politische Leistung die Öffnung der Binnengrenzen innerhalb der Europäischen Union Jahrzehnte später war (und was wir verlieren, wenn wir sie wieder schließen).

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Geschlossene Grenzen: Damals wurden sie beklagt, heute wünscht sie sich so mancher “besorgte Bürger” zurück. Hier darf der Rennfahrer Hans Stuck ausnahmsweise unkontrolliert weiterfahren.

Für Männer wie Ernst Friedlaender erschienen offene Grenzen in den Fünfziger Jahren zwar noch als eine ferne Utopie, gleichwohl durfte man sie nie aus den Augen verlieren. Und der französische Politiker Robert Schuman, ebenfalls eng mit der Europa Union und deren Zielen verbandelt, sah 1955 das große Ziel darin, “zwischen 320 Millionen Europäern, die durch Zoll-, Währungs- und politische Grenzen voneinander getrennt sind, dauernde organische Bande zu schaffen, damit das Lebensniveau eines jeden gehoben, die Sicherheit alle erhöht und damit zugleich dem allgemeinen Frieden gedient wird.”

Das würde man heute vielleicht etwas weniger gewunden formulieren, richtig bleibt es aber. Schließlich waren Freiheit und offene Grenzen so etwas wie das Gründungsversprechen der europäischen Einigung.

Ernst Friedlaenders Frage, ob Europa ein Zukunft hat, ist offener denn je.

Verdun – Menschenschlachthof

Mein Sohn und ich fahren im Sommer gerne nach Frankreich in den Urlaub. Für ihn ist das ganz selbstverständlich, er mag dieses Land und die Gastfreundschaft seiner Menschen. Dass Deutsche und Franzosen lange Zeit Todfeinde waren, kann er sich nur schwer vorstellen. Und dass sie sich vor genau 100 Jahren in Verdun gegenseitig die Köpfe eingeschlagen haben, erst recht nicht. Deshalb ist das Gedenken an diese Schlacht einerseits eine gute Gelegenheit, zurückzublicken in einen Abgrund der Geschichte, vor allem aber wertzuschätzen, wie weit wir heute von den damaligen Zuständen entfernt sind.

Es war mehr als nur eine Schlacht im Ersten Weltkrieg, was sich bei Verdun ereignete. Es war Kanonen-Trommelfeuer und Maschinengewehr-Stakkato, Giftgas und Flammenwerfer, Zerfleischung und Verwesung. Es  war…, ja, was war das eigentlich, was da in der Nähe des beschaulichen lothringischen Städtchens am 21. Februar 1916 seinen Anfang nahm?  Ein Menschenschlachthof? Eine Knochenmühle? Ein Stahlgewitter? Eine Blutpumpe? Ein Totentanz? Das Grauen? Materialschlacht? Massengrab? Armageddon? Apokalypse?

Viele Versuche hat es gegeben,  Verdun in Worte zu fassen. Allen gemeinsam ist, dass sie unzureichend beschreiben, was dieses zehnmonatige Gemetzel für diejenigen, die es erleben mussten, bedeutete. Nicht nur deshalb sollte uns diese Schlacht auch heute, 100 Jahre später, noch interessieren.

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Rund um das stark befestigte Fort Douaumont starben besonders viele Soldaten.

Der militärische Verlauf der Schlacht von Verdun ist vielfach nachzulesen, es gibt auch eine Reihe von TV- und Netzdokumentationen, die ihn nachzeichnen.  Aufschlussreich sind aber auch die Zeugnisse von Menschen, die dabei waren in der Schlacht von Verdun. Einfache Soldaten, die in ihren Feldpostbriefen meist nur andeuten konnten, was sie in den Schützengräben erlitten hatten. Aber auch Schriftsteller und Intellektuelle, die an der Verdun-Front kämpften und später versuchten, ihre Erlebnisse in einen Roman oder in ein Gemälde zu fassen.

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Atemschutzmasken sollten vor den gefürchteten Gasangriffen schützen.

Und so fing es an: Am Morgen des 21. Februar 1916 kurz nach 8 Uhr morgens legten 1250 deutsche Geschütze ein Trommelfeuer über die französischen Linien um Verdun, wie es die Welt niemals zuvor gesehen hatte. Die Kanonen feuerten binnen eines Tages eine Million Granaten ab und entfesselten einen Orkan der Vernichtung. Der deutsche Oberbefehlshaber General Erich von Falkenhayn glaubte, er hätte die französischen Verteidigungslinien zu Brei geschossen, als er seinen Truppen nachmittags unter dem Motto “Den Steilhang hinunter und den Franzmann hinausgeschmissen!” den Sturmangriff befahl. Doch die verzweifelten Franzosen hielten aus, auch wenn sich bei manchen Einheiten Weltuntergangsstimmung breit machte.

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Eingang zu einem Bunker am Fort Douaumont. Noch heute ist die Erde hier umgepflügt.

Etwa 30 Festungen umgaben Verdun damals, die wichtigste war Fort Douaumont. Die Stadt hatte eine lange Geschichte als Bollwerk und für die französische Bevölkerung große symbolische Bedeutung, sie war ein nationaler Mythos. Der militärstrategische Wert hingegen war nicht übermäßig bedeutend. Falkenhayns Plan sah vor, dass die Franzosen hier aufgerieben werden sollten, er sprach von der “Blutpumpe Verdun”. Deutschland hätte mehr Menschenmaterial als Frankreich und würde sich deshalb früher oder später durchsetzen, kalkulierte die Oberste Deutsche Heeresleitung. Über einen Sieg in Verdun wollte man aus der allgemeinen Defensive des Jahres 1915 herauskommen und wieder die Oberhand an der Westfront gewinnen.

Nach dem bis dato größten Bombardement der Militärgeschichte  ging es tatsächlich zunächst gut voran für die Deutschen. Bereits nach wenigen Tagen nahmen sie Fort Douaumont durch einen überraschenden Vorstoß ein. Der französische Oberbefehlshaber Joseph Joffre hatte es kurz vorher unerklärlicherweise weitgehend entwaffnet, weil er die Anlage für veraltet hielt. In Deutschland läuteten bereits die Siegesglocken. Erst jetzt begriff man in Paris, dass der deutsche Vorstoß auf Verdun kein Ablenkungsmanöver war, sondern ein Frontalangriff. Die Stadt musste gehalten werden, um jeden Preis. Über die sogenannte “heilige Straße”, die einzige brauchbare Verbindung zwischen Verdun und dem Hinterland, wurden Tag und Nacht Truppen und Material herangeschafft.

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Deutsches Gedenkkreuz in der Festung Douaumont.

Frankreich war angeschlagen, aber es schlug zurück. General Philippe Pétain – er sollte 24 Jahre später mit Hitlerdeutschland kollaborieren – wurde von Joffre zur Verteidigung herankommandiert. Ein Hoffnungsträger. Längst war Verdun der Kampf einer ganzen Nation gegen den Erzfeind aus dem Osten. In den zehn Monaten der Schlacht kämpften zwei Drittel der gesamten französischen Armee in den Schützengräben und Granattrichtern rund um die Stadt.

Unter der Parole “Ils ne passeront pas!” (sie werden nicht durchkommen!) hielten die Franzosen stand. Während der deutsche Kaiser Wilhelm II. aus der Distanz dem Spektakel zuschaute und sein General Paul von Hindenburg Bemerkungen wie “Der Krieg bekommt mir wie eine Badekur” absonderte, kämpften in den verschlammten Gräben Mann gegen Mann, Armee gegen Armee. Die Hügel von Verdun waren längst entwaldet und umgepflügt, ein Massengrab ohne jede Deckung.  Der deutsche Angriff steckte fest, ein Zurück aber konnte es nicht geben, dafür waren schon zu viele Soldaten gestorben.

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Das Beinhaus von Verdun. Hier liegen tausende Tote.

Wie total die Schlacht tobte, erklärt der Historiker Gerd Krumeich bei “Spiegel Online”: “Einzigartig an Verdun ist aber vor allem diese Kombination aus modernster Fernartillerie und archaischsten Formen des gegenseitigen Tothauens. Der Feind war fast immer in Sichtweite, hier kämpfte Mann gegen Mann, Würgegriff gegen Würgegriff. Mit Knüppel, Messer, Spaten als bevorzugte Mordwerkzeuge – und das unter Beschuss durch die modernsten Waffen, die es damals gab: Flammenwerfer, Giftgas, schwere Artillerie, Jagdflieger.”

Die Soldaten – egal auf welcher Seite – wollten nur eines: raus aus diesem Inferno aus Menschenfleisch und Schrapnellen. Beklemmende Dokumente zeigen uns, was die Frontsoldaten damals durchmachen mussten. Der Grevener Familienforscher Bernhard Brockötter hat Hunderte alter Feldpostbriefe seines Großonkels Lorenz Brockötter ausgewertet und in einem Buch aufbereitet (Bernhard Brockötter: Leben und Leid im Ersten Weltkrieg, Westfälische Reihe, Münster). Lorenz Brockötter kämpfte damals in Verdun und schrieb seiner Familie: “Die ganzen Dörfer um Verdun sind in Schutt verwandelt. In Bethincourt (…) fand ich unzählige Tote von uns und französische umherliegen, so wie sie vor Wochen gefallen sind, mit vollen Gegürt. Ein schrecklicher Leichengeruch, die ganze Gegend ist von Granaten umgepflügt.”

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Lorenz Brockötter in einem Unterstand. (Foto: Sammlung Bernhard Brockötter)

Auszuhalten war das nur schwer. Am Abend vor dem nächsten Einsatz im Schützengraben betäubten sich Brockötter und seine Kameraden bei einem Bierabend. Er schrieb nach Hause: “Wir singen und lärmen gegen die tobende Front. Was morgen sein wird, kümmert uns nicht. Dann mögen ringsum die Minen hochgehen, die Granaten bersten und krachen. Heute wird gefeiert, heute soll die Bierstimmung den Lärm der Front übertönen.”

Der Schriftsteller Arnold Zweig (Arnold Zweig: Erziehung vor Verdun, Aufbau Verlag, Berlin) beschrieb das Gemetzel so: “Die Infanterie warf sich befehlsgemäß, und wie sie es gelernt hatte, gegen die französischen Trichter und Gräben und eroberte sie, sie wütete in französischem Fleisch und Blut, gab selbst Fleisch und Blut her, Schweiß und Nerven, Klugheit und Tapferkeit, Mut und Bereitschaft. Man hatte allen gesagt, sie verteidigten hier die Heimat, und sie glaubten es. Auch dass der Franzose erschöpft sei, hatte man ihnen gesagt, und sie hatten es geglaubt – noch eine Anstrengung, noch ein Stoß! Sie strengten sich an, sie stießen noch einmal vor, ihre Essenholer fielen, die Trainfahrer wurden auf den Böcken getötet, die Kanoniere trotzten dem Gegenfeuer. Neue Truppen wurden eingeschoben und stürmten, bayrische Divisionen, preußische Garde, württembergische Infanterie, badische und oberschlesische Regimenter. Dann sah man endlich ein, dass es nicht ging.”

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Armprothesen für die Verstümmelten.

Das Resultat der Schlacht bei Zweig: “Die schönen Dörfer waren erst Ruinen geworden, dann Trümmerhaufen, schließlich Ziegelstätten; die Wälder erst Lücken und Knäuel, dann Leichenfelder bleicher Stümpfe, schließlich Wüste.”

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Soldatenfriedhof in Verdun.

Noch heute kann man die Schlachtfelder vor Verdun besichtigen. “Wer einmal dort war, wird den Anblick nie mehr vergessen”, sagt Krumeich. “Dieses durch ständigen Beschuss wellenförmig aufgeworfene, dünenartige Gelände mit eher zufälligem Baumbewuchs. Unvorstellbar, dass da überhaupt Menschen überleben konnten.”  In dieser apokalyptischen Mondlandschaft ohne Sträucher und Bäume, in dieser Welt aus Wut und Wahnsinn, Tod und Verwesung, Schlamm und Scheiße war sich jeder selbst der Nächste. Alle zwei Minuten, haben Historiker errechnet, starb in Verdun ein Mensch. Zehn Monate lang.

Militärisch war das Abschlachten ohne jeden Belang: Da wurde ein Dorf  200 Mal eingenommen und dann 200 Mal von der Gegenseite zurückerobert. Vorwärts ging es schon lange nicht mehr. Und als die Deutschen im Sommer und Herbst anderswo in Bedrängnis gerieten und Truppenteile an die Somme und an die Ostfront verschieben mussten, erschien es der neuen Heeresleitung um Paul von Hindenburg und Erich Ludendorff plötzlich doch opportun, den Rückzug aus Verdun zu befehlen.  Im Dezember 1916 standen Deutsche wie Franzosen im Prinzip wieder da, wo sie schon im Februar 1916 standen. 300.000 Tote fordert dieses Tollhaus der Tobsüchtigen, mehr als 400.000 Verletzte und Verstümmelte. Die Schlacht traumatisierte eine ganze Generation junger Männer, die sich verheizt vorkam.

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Mit diesem Denkmal in Verdun ehren die Franzosen ihre Soldaten.

Und hinter allem steht eine ungläubige Verwunderung darüber, was Menschen Menschen antun können. Bis heute.

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Wer mehr lesen möchte: Hans-Herbert Grimms Roman “Schlump” (Hans-Herbert Grimm: Schlump, Kiepenhuer & Witsch, Köln) behandelt ebenso eindringlich das Grauen an der Westfront wie Edlef Köppens “Heeresbericht” (Edlef Köppen: Heeresbericht, Ullstein Verlag, Berlin). Jean Echenoz (Jean Echenoz: 14, Hanser Verlag, Berlin) schildert “La Grande Guerre” aus französischer Sicht. Der vielleicht berühmteste Roman des Ersten Weltkriegs wurde von Erich Maria Remarque geschrieben (Erich Maria Remarque: Im Westen nichts Neues, Kiepenheuer & Witsch, Köln), der wohl umstrittenste von Ernst Jünger (Ernst Jünger: In Stahlgewittern, Klett-Cotta, Stuttgart).

Zum Schluss noch eine Hörempfehlung: Die Band “Einstürzende Neubauten” hat im Jahre 2014 mit “Lament – der 1. Weltkrieg” eine großartige musikalische Umsetzung des Themas abgeliefert. Im nachfolgenden Video eines Konzerts in Turin imitieren die Stahlrohr-Trommeln den damaligen Weltenbrand auf beklemmende Art:

Neonwerbung: In ein günstiges Licht gerückt

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Ist sie nicht schön, diese Neonwerbung? Man möchte unverzüglich eintreten in das Etablissement namens “Aida” in Wien. Wer so schön wirbt, der hat auch sonst sicher einiges zu bieten.

Sie sind selten geworden in unseren Städten, die in Schwingschrift gehaltenen Werbebotschaften aus farbigen Leuchtröhren, die blinkenden Aufmerksamkeitserreger der Großstadt-Boulevards. Wohl auch deshalb interessieren sich heute Designer, Architekten und Ästheten aller Art wieder für sie.  Achim Gauger etwa betreibt mit ViennaCityTypeFace  (https://www.instagram.com/viennacitytypeface/?hl=de) einen wunderbaren Instagram-Feed, auf dem er regelmäßig seine Neon-Entdeckungen in Wien veröffentlicht. Es geht dabei um Vintage-Zeichen, die den Charakter ihrer Entstehungszeit konserviert haben. Eine treue Fangemeinde ist ihm seit Jahren sicher.

Im Internet werden Neonschriften, die jahrzehntelang über Kneipen-Eingängen und in deutschen Fußgängerzonen gehangen haben, für stolze Preise angeboten. Vor dem Abriss der Häuser haben clevere Second-Hand-Händler sie schnell noch abmontiert. Dieses Foto entstand übrigens vor einigen Jahren in Köln (keine Ahnung, ob das Neonzeichen heute noch existiert):

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In Las Vegas, der Welthauptstadt des Bling-Bling, gibt es sogar ein Museum für ausgediente Neonschilder. Das “Neon Museum” (www.neonmuseum.org), von den Einheimischen liebevoll “Boneyard” (Knochenfriedhof) genannt, präsentiert auf einem Wüstenflecken ein Sammelsurium spektakulärer historischer Leuchtwerbungen, die einst den “Strip” in Szene setzten. Inmitten der glattpollierten Hotelfassaden mit ihrer LED-Beleuchtung ist der Boneyard mittlerweile eine Attraktion für alle Neon-Nostalgiker.

Die wenigen noch vorhandenen Neonwerbungen aus den Fifties pflegt die Glitzermetropole inzwischen, sie sind eine Art Alleinstellungsmerkmal. Zum Beispiel diese beiden Zeichen:

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Neon-Leuchtreklamen stammen allerdings ursprünglich nicht aus den USA. Es gibt sie bereits seit über 100 Jahren. Im Jahre 1912 – genau 14 Jahre nach der Entdeckung des Edelgases durch zwei englische Chemiker – tauchte in Paris das erste mit Neonschrift geformte Werbezeichen auf – über einem Friseursalon. Dass gerade die Haarschneide-Branche diese Art der Werbung auch heute noch schätzt, zeigt dieses Beispiel aus Münster:

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Das Potenzial des Neonlichts war jedenfalls enorm. Die Werbeindustrie stürzte sich spätestens nach dem Ersten Weltkrieg auf die flexiblen, dünnen Glasröhren und beleuchtete mit ihnen die Innenstädte und Straßenränder. Die Röhren konnten in nahezu beliebiger Art und Form gebogen werden, durch Entladung des Gases entstand das attraktive “Neonleuchten”. Schriftzüge mit zum Himmel strebenden Buchstaben und Abbildungen aller Art waren mit dieser Technik problemlos möglich. Vor allem nachts wirkt das geradezu magisch. Hier zwei Beispiele aus Münster (o.) und Kassel.

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Richtig populär wurden Neondekorationen aber nicht so sehr in Europa, sondern in den Vereinigten Staaten. Seit Anfang der 20er-Jahre geleiteten sie die frühen Automobilisten in Los Angeles zu den Coffee Shops und Drive-In-Schnellrestaurants. Neonreklamen wurden das Symbol des “american way of life”. Sie illuminierten diese Architektur der Übertreibung und demonstrativen Zurschaustellung. Das Prinzip: Wie die Motten das Licht sollten die blinkenden Neonzeichen Reisende und Kunden von ihrem Weg abbringen. Die Dynamik der amerikanischen Wirtschaftsmacht, die Verführungen des ungebremsten Konsumismus spiegelten sich in ihren wechselnden Farben. Die Burger-Buden von Los Angeles, der Casino-Lichterglanz von Las Vegas und die Neon-Orgien des Times Square in New York bestimmen unser USA-Bild bis heute.

Aber auch in Deutschland setzte sich die Neonwerbung nur wenig verzögert durch. Vor allem in Berlin überbot man sich schon in den späten 20er-Jahren mit Großanlagen an Fassaden und auf Dächern. So wie auf dem unteren Foto vom Potsdamer Platz. Im Vordergrund, das Vergnügungs-Etablissement “Haus Vaterland”, im Hintergrund links das Europahaus mit seiner gewaltigen Lichtreklame:

Foto: Bundesarchiv

1926 erregte eine Lichtwerbeanlage der Firma Odol ebenfalls am Potsdamer Platz gehörig Aufsehen: Mundwasser tropfte aus der bekannten Flasche in ein riesiges Glas. Die seinerzeit größte Neonwerbung Europas entstand 1929 am Haus Scharlachberg am Kurfürstendamm.

Berlin spielte Amerika – und leuchtete grell.

Dann waren Krieg und Finsternis. Nichts leuchtete mehr. Nach dem Zweiten Weltkrieg und mit dem einsetzenden Wirtschaftswunder der 50er-Jahre indes erholte sich auch die Lichtwerbebranche. Sie ließ die Neonreklamen tanzen und spielte ein letztes Mal verrückt. Nie waren die Buchstaben dynamischer, nie die Schriftzüge rasanter. Kinos, Hotels, Geschäfte und Gaststätten schrien die Kundschaft nur so an: “Kommt rein!”, “Trinkt mich!”, “Kauft mich!” Hier ein schönes Kino-Beispiel aus Kassel:

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Noch einmal also erleuchteten Neonreklamen die hastig wiederaufgebauten deutschen Städte, noch einmal schienen filigrane Neonschriftzüge von den neuen Rasterbauten herab auf Brezel-Käfer und Heckflossen-Benz.

Plötzlich aber war Schluss. Acrylglaskästen mit Folienbeschriftung galten auf einmal als fortschrittlich, milchig beleuchtete Plexiglaskästen, im Siebdruckverfahren beschriftet, verdrängten spätestens in den 70er-Jahren die individuellen Neonschriften. Standardisierte Leuchtrechtecke dominierten die Nacht. Einfach produziert. Immer gleich. Mit Schwingschrift und Neonblinken brauchte man im Jahrzehnt von Räucherstäbchen und Schlaghose, Lätzchenkrawatte und Jutetapeten niemandem mehr zu kommen.

Neben den neuen transparenten Lichtkästen wirkten die Neonwerbungen bald wie Symbole einer längst vergangenen Epoche. Dass sie dann auch noch mit dem gesellschaftlichen Muff der Adenauer-Jahren in Verbindung gebracht wurden, erscheint in der Rückschau mehr als seltsam. Und ziemlich ungerecht.

Erst seit einigen Jahren erhalten Neonschriftzüge wieder die Aufmerksamkeit, die sie verdient haben. Gestalter statten trendige Bars und Szenelokale mit ihnen aus, Boutiquen und Eisdielen machen mit der leuchtenden “Schrift aus der Tube” beschwingt Reklame. Endlich werden sie wieder in das günstige Licht gerückt, in dem sie schon mal standen. Vor 60 oder gar 90 Jahren.

Die Postkarte – WhatsApp des Kaiserreichs

Man darf Ernst Heinrich Wilhelm Stephan getrost als Pionier der modernen Massenkommunikation bezeichnen. Aber anders als Bill Gates oder Mark Zuckerberg kennt ihn heute kaum jemand. Der Mann war Generalpostdirektor des Norddeutschen Bundes und ab 1871 auch des neu gegründeten Deutschen Reiches. Und er hat ein Kommunikationsmittel eingeführt, das in seiner Bedeutung mit den heutigen elektronischen Diensten SMS, WhatsApp, Twitter oder Facebook vergleichbar ist.

Die Postkarte.

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Ansicht der Museumsinsel in Berlin um 1910.

Postkarten und SMS oder WhatsApps sind verwandt, sie sind wie Großeltern und Enkelkinder. Auch wenn das auf den ersten Blick widersinnig scheint.

Anfangs hieß die Postkarte in Deutschland noch “Correspondenzkarte”. Otto von Bismarck persönlich erlaubte ihre Einführung im Sommer 1870. Aus gutem Grund: Im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 wollten die Soldaten an der Front ihre Lieben in der Heimat wenigstens nochmal grüßen bevor sie den Heldentod starben, die Postkarte machte das erstmals millionenfach möglich.

Reichspostminister Stephan hatte erkannt, wie gut sich die relativ stabilen Pappkarten für den massenhaften Transport eigneten. Dabei war die Postkarte zunächst heftig umstritten. Hohe preußische Beamte stellten sich quer, “wegen sittlicher Bedenken aufgrund der offenen Lesbarkeit jeglicher Korrespondenz” wie es seinerzeit hieß. Sehr unziemlich, das.

Bis dato gab es – bis auf wenige Postkarten-Vorläufer in den USA und Österreich-Ungarn – nur den Brief als Mittel der Kommunikation zwischen Privatpersonen. Wer private Dinge loswerden wollte, musste Briefe schreiben. Viele Menschen empfanden das zunehmend als zu umständlich. Die Postkarte vereinfachte alles. Briefmarke, Anschrift und eine knapp gehaltene Botschaft, fertig! Vor allem in den Kriegen – und davon sollte das deutsche Reich zwischen 1870 und 1945 gleich drei führen – war die Postkarte für die Soldaten die Verbindung zur Heimat.

Zurück zu Generalpostdirektor Stephan. Er schloss in den Jahren nach den Einigungskriegen Abkommen mit zahlreichen anderen Ländern, überall wurde die Postkarte zugelassen. Bereits um 1880 hatte sie sich über weite Teile der Erde verbreitet.

“In den Anfangsjahren verschickten die Leute ihre Karten noch ohne Abbildungen”, sagt Henning Stoffers. Der Münsteraner weiß eine Menge über die Geschichte der Postkarte und besitzt selbst eine beachtliche Sammlung. “Erst mit dem Aufkommen der Fotografie gab es auch Bildpostkarten,  also klassische Ansichtspostkarten.” Ab dem späten 19. Jahrhundert setzten sie sich weltweit durch. Neue Druckverfahren sorgen für millionenfache Produktion. Humoristische und patriotische Motive kamen zu den reinen Ansichten hinzu.

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Pfingstgrüße um 1910.

Anlässe, eine Postkarte zu verschicken, gab es ohne Ende: “vaterländische Ereignisse”  wie Sedantag und Kaisergeburtstag, Ostern, Weihnachten oder einfach nur der Wunsch, seine Liebste zu grüßen. Blöderweise konnten andere Menschen etwaige Lieberschwüre mitlesen, es gab ja keinen Briefumschlag. Und anders als heute bisweilen auf Facebook zu beobachten, störte das damals etliche Zeitgenossen.

Deshalb erfanden sie die Briefmarkensprache. Das muss ungefähr um 1900 gewesen sein, ganz genau weiß es niemand mehr. Verliebte klebten beispielsweise die Briefmarke nicht fein säuberlich in die rechte obere Ecke, sondern kippten sie nach rechts. “Innige Küsse!” sollte das bedeuten. Stand die Marke auf dem Kopf,  hieß das: “Ich liebe dich!” Wenn die Marke auf der Seite lag, bat der Schreiber: “Vergiss mich nicht!”

Bei WhatsApp und anderern Diensten gibt’s dafür heute Herzchen, Kussmund und viele andere Emojis.

Erst um 1905 herum lockerte sich die öffentliche Moral ein wenig, jetzt trauten sich die Deutschen auch mal, Privateres als nur flüchtige Grüße auf ihre Karten zu schreiben. Dass der Briefträger und die Nachbarn im Hausflur das womöglich mitlesen konnten? Was soll’s!

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Postkarte an “Fräulein Elsa Kohl” aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg.

Um 1900 wurden im Deutschen Reich jährlich nahezu eine Milliarde Postkarten verschickt. Sie waren selten länger als einen Tag unterwegs. Heinrich Stephan und seine Nachfolger hatten ein hocheffizientes Zustellsystem, einen ganz eigenen Dienstleistungszweig entwickelt. Die Post kam vor dem Ersten Weltkrieg in der Regel drei Mal täglich, in den Großstädten teilweise noch häufiger. Verstopfte Briefkästen waren trotzdem an der Tagesordnung.

Postkarten wurden mit Expresszügen binnen eines Tages von Garmisch nach Flensburg transportiert. “Es kam vor, dass man per Postkarte an einem Tag einen Termin verabreden konnte”, sagt Henning Stoffers. Seinerzeit ein ähnlicher Quantensprung bei der Überwindung von Raum und Zeit wie wenige Jahrzehnte zuvor die Einführung der Eisenbahn.

In den beiden Weltkriegen verschickten die Landser millionenfach Feldpostkarten,  auch das eine Form der Ansichtspostkarte, meist portofrei und bedruckt mit heroischen Szenen, die so gar nichts mit der Realität in den Schützengräben zu tun hatten.

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Feldpostkarte aus dem Ersten Weltkrieg.

Die goldene Zeit der Ansichtspostkarte lässt sich etwa zwischen 1897 und 1918 datieren. Inzwischen gab es Farbdrucke, so dass die ursprünglich schwarzweißen Motive nachträglich koloriert werden konnten. Zu dieser Zeit schickte man gerne Karten von Reisen oder Ausflügen, vorzugsweise von besonders schönen Stadt- oder Landschaftsmotiven. Die Absicht war die gleiche wie bei unseren heutigen Selfies auf Facebook: “Schaut her, so gut geht es mir gerade!”

Fabrikanten und das aufstrebende Bürgertum verschickten Ansichtskarten von ihren herrschaftlichen Häusern (“Schaut her, so schön wohne ich!”). Bildungsbürger sandten Ansichten vom Grünen Hügel in Bayreuth oder vom Deutschen Eck in Koblenz (“Schaut her, so kulturbeflissen bin ich!”).

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Ansichtskarte vom “Deutschen Eck” mit Kaiser-Wilhelm-Denkmal in Koblenz.

Auch später blieb die Postkarte beliebt. In der Weimarer Republik ebenso wie im Dritten Reich. Eine letzte Blütezeit erlebte sie mit dem Wirtschaftwunder und der beginnenden Reisewelle der 1950er-Jahre. Ein postkartenschöner Urlaubsgruß vom Riviera-Örtchen Portofino steigerte den Neidfaktor der Daheimgebleibenen garantiert ins Unermessliche.

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SMS von heute: schneller, aber auch schlichter.

Später musste sich die Postkarte vieles anhören: Sie sei der Biedersinn auf Karton, das Kitschmedium des kleinen Mannes. Doch auch Telefon und Fax konnten sie nicht verdrängen. Das schaffte erst unser digitales Zeitalter mit seinen Smartphones und sozialen Netzwerken. Im Jahr 1982 verschickten die Deutschen noch immer weit über 800 Millionen Postkarten, heute sind es gerade mal ein paar Hunderttausend. Die Postkarte hat allenfalls noch als Vintage-Medium eine gewisse Bedeutung, ähnlich der Schallplatte aus Vinyl: Man nutzt sie der besonderen individuellen Note wegen.

Hat gerade mal jemand eine Briefmarke zur Hand?

 

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Postkarte vom “Deutschen Rundflug 1911”.

 

(PS: Wertvolle Informationen für diesen Text habe ich von Henning Stoffers erhalten, auf dessen kurzweilige Internetseite www.sto-ms.de zur Geschichte der Stadt Münster ich hier sehr gerne verweise. Und er machte mich noch auf diesen Aspekt aufmerksam: Postkarten seien mitunter bedeutende und auch historische Zeitdokumente. So seien zum Beispiel zerstörte, abgerissene oder veränderte Baudenkmäler, Häuser, Straßenzüge und Ähnliches auf diese Weise der Nachwelt erhalten geblieben. Sie gäben Auskunft über eine längst vergangene Zeit. Ohne Postkarte wäre vieles unwiederbringbar verloren.)

 

 

Nach Wuppertal! – Plädoyer für eine unterschätzte Stadt

“Sag mal, was machst du eigentlich am Wochenende?” “Ich fahre nach Wuppertal.” “Wohin?” “Nach Wuppertal.” “Was um alles in der Welt willst du denn da?”

Das war der Originalwortlaut eines Telefonats mit einem Freund, zwei Tage bevor ich in mein Wuppertal-Wochenende aufbrach. Die Ahnungslosigkeit meines Freundes ist typisch für die allgemeine Ratlosigkeit im Bezug auf die Stadt im Bergischen Land. Würde mein Freund Wuppertal auch nur ein wenig kennen, er hätte sich seine Frage gespart. Und stattdessen gefragt: “Kann ich mitkommen?”

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Die Schwebebahn im Stadtteil Barmen.

In manchen Städten lässt sich Geschichte besonders gut erleben. Wuppertal ist so eine Stadt. Sie ist auf ihre ganz eigene Art eine Schönheit, wenn auch eine herbe Schönheit. Sie steckt voller vergangener Pracht und Größe. Wuppertal ist Gründerzeit. Hier lässt sich die rasante Industrialisierung Deutschlands im 19. Jahrhundert heute noch sehr gut nachvollziehen. Und das komprimiert in einem engen Tal.

Wuppertal, das sind eigentlich zwei Industriestädte. Das stolze Elberfeld und das ehrgeizige Barmen. Beide explodierten regelrecht mit der Industrialisierung. Es entstanden Fabriken entlang der Wupper, teilweise waren es Backstein-Kathedralen des Industriezeitalters.  Zwar hat der Zweite Weltkrieg schwere Lücken in beide Innenstädte im Tal gehauen, zwar erfolgte der Wiederaufbau wie nahezu überall in Westdeutschland hastig und fantasielos (Ausnahmen wie die wunderbare “Schwimmoper” bestätigen die Regel). Und dennoch findet man neben eindrucksvollen mehrstöckigen Fabrikgebäuden noch immer alte Wohnhäuser von Heimwebern, Bleichereien, Färbereien, Bandfabriken, Futterstoffwebereien, Konfektionsbetriebe und Handelshäuser. Ganz viel Sozialgeschichte auf engstem Raum.

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Die alte Schwebebahn-Station Werther Brücke.

Man kam hierher, um zu arbeiten. Und zwar mitten in der Stadt. Denn Platz gab es wenig im engen Tal der Wupper. So standen die Fabriken und Manufakturen direkt neben den Mietskasernen der Arbeiter, die in ihrer Kompaktheit sogar an Berlin erinnern. Etwa rund um das Ölberg-Viertel.

Nur die Fabrikanten, Bankiers und leitenden Angestellten bauten sich ihre Villen in bester Hanglage. Das Briller Viertel in Elberfeld oder die Gegend rund um den Toelleturm in Barmen zeigen noch heute, wie ungeheuer reich Wuppertals Unternehmer gewesen sein müssen.

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In der Elberfelder Nordstadt.

Die Elberfelder Nordstadt und der Barmer Rott waren vor allem Quartiere für die gehobenen Angestellten. Es entstanden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts geräumige und zumeist viergeschossige Mietshäuser im Stil des Historismus und der Jahrhundertwende. Beide Stadtteile gehören zu den größten zusammenhängenden Altbaugebieten der Gründerzeit in ganz Deutschland. Reihenweise stehen die Häuser unter Denkmalschutz. Man sollte hier unbedingt einen Spaziergang machen!

Der – bei den meisten Bewohnern ziemlich unpopuläre – Zusammenschluss der Städte Elberfeld und Barmen nebst den Umlandgemeinden zur Zeit der Weimarer Republik machte aus zwei aufstrebenden, miteinander scharf konkurrierenden Großstädten eine mächtige Industriestadt. Das neue, fast 20 Kilometer lange Gebilde brauchte den Vergleich mit den nahen Ruhrgebietsstädten nicht zu scheuen. Elberfeld mit seinen gut 173.000 Einwohnern und Barmen mit 190.000 Bewohnern plus einiger Nachbarorte – das ergab am 1. Januar 1929 eine Großstadt mit etwa 415.000 Bewohnern.

Man stellte jetzt etwas dar in Deutschland.

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Altbauten im Barmer Stadtteil Rott.

Die damals noch eigenständige Stadt Elberfeld leistete sich bereits um 1900 mit der Stadthalle einen Prunk- und Zierbau der italienischen Neorenaissance, der als Zeichen ihres Selbstbewusstseins und Wohlstands verstanden werden sollte. Wer einmal die Säle und Flure im Inneren gesehen hat, weiß, was gemeint war. Eine kleine Semperoper im Bergischen Land.

Oder die Schwebebahn, dieses einzigartige Massentransportmittel. Und das sicherste dazu. Man gleitet über die Wupper, vorbei an teils reich verzierten Fabriken, klassizistischen Fassaden und verklinkerten Manufakturen. Die 13,3 Kilometer lange Strecke von Oberbarmen bis Vohwinkel bietet eine perfekte Stadtrundfahrt. Immerhin konnten sich Elberfeld und Barmen schon 1901 auf dieses revolutionäre Verkehrsmittel als Bindeglied zwischen den rivalisierenden Städten verständigen. Noch während der Bauphase unternahm Kaiser Wilhelm II. am 24. Oktober 1900 eine Probefahrt mit der Schwebebahn. Majestät sollen begeistert gewesen sein.

Das Luisenviertel – Wuppertals beliebteste Ausgehmeile – wird wegen seiner ebenfalls in weiten Teilen erhaltenen klassizistischen Bebauung und der typisch bergisch verschindelten Fassaden auch als Elberfelder Altstadt bezeichnet.

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Die Schwebebahn-Endstation in Vohwinkel.

Die Stadt besitzt sage und schreibe 4500 eingetragene Baudenkmäler, mehr hat in Nordrhein-Westfalen nur Köln zu bieten. Noch in den 1960er-Jahren lebten deutlich über 420.000 Menschen in der langgezogenen Ansiedlung, heute hat Wuppertal nicht einmal mehr 345.000 Einwohner. Und doch wirkt hier alles noch immer überaus großstädtisch.

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Wuppertal-Werbeplakat aus den 30er-Jahren.

Wenn es stimmt, dass qualitätvolle Architektur Wohlbefinden auslöst, dann bekommt man in dieser unterschätzten Stadt zumindest abseits der Fußgängerzonen richtig gute Laune. Also: Fahrt nach Wuppertal! Schaut euch die vielen gründerzeitlichen Viertel an. Es gibt sie so in ganz Nordrhein-Westfalen kein zweites Mal zu sehen. Durchquert die Stadt mit der herrlich schaukelnden Schwebebahn. Lasst es euch abends im Luisenviertel gut gehen.

Und lernt diese Stadt zu lieben.

 

Post scriptum: Nein, ich bekomme für diesen Beitrag kein Geld von der Wuppertal Touristik!

Warum man ein Land nicht einzäunen kann

Mit Grenzzäunen ist das so eine Sache. Oder mit Wällen und Mauern. Sie werden meist mit enormem Aufwand gebaut und funktionieren am Ende doch nicht.

Der römische Grenzwall Limes hielt das Imperium zwar eine Zeit lang ganz gut dicht, wurde dann aber doch von den Barbaren überwunden. Die Chinesische Mauer, ein fast 9000 Kilometer langes Bauwerk, sollte das alte Kaiserreich vor nomadischen Reitervölkern aus dem Norden schützen. Der Mongole Dschingis Khan hat sich darum wenig geschert und die Befestigungsanlagen kurzerhand überrannt.

Der Zaun an der mexikanisch-amerikanischen Grenze ist nahezu 3000 Kilometer lang und wird von den US-Behörden mit Unterstützung privater Milizen aufwändig gesichert. Dennoch gelingt es Jahr für Jahr etwa einer Million Mexikaner, ihn zu überwinden.

Und sogar die Mauer, die Deutschland 28 Jahre lang teilte, fiel am Ende. Obwohl: Sie sollte ja nicht Menschen davon abhalten, in die DDR zu gelangen, sondern aus ihr zu fliehen.

Es gibt nicht wenige Menschen, und es werden immer mehr, die gerade jetzt auch einen Zaun um Deutschland errichten wollen. Es sei genug mit den Flüchtlingen, sagen sie. Wir wollen niemanden mehr aufnehmen, schreiben sie in Internetforen. Wir sind voll, rufen sie in Talkshows und brüllen auf Demonstrationen, zu denen sie einen Galgen gleich mitgebracht haben.

Sie wollen, dass Deutschlands und Europas Grenzen noch dichter gemacht werden, als sie eh schon sind, denn so stellen sie sich ein Bollwerk vor.

Dabei gibt es in der Geschichte viele Beispiele dafür, dass ein Land sich selbst mit dem allergrößten Aufwand nicht gegen Menschen, die rein wollen, abschotten kann. Das vielleicht interessanteste, weil aufwändigste und dennoch nutzloseste Bauwerk dieser Art ist wohl die Maginot-Linie.

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Kilometerlange Bunker- und Stollensysteme waren am Ende vollkommen nutzlos: Hitlers Wehrmacht umging die Maginot-Linie einfach.

Sicher, deren Entstehung gehört in einen völlig anderen Kontext: Die Maginot-Linie wurde erdacht und immer weiter ausgebaut, weil sich ein demokratisches Land, also Frankreich, gegen ein totalitäres Land, das es als Bedrohung empfand, also Deutschland, schützen wollte. Die Absicht war – anders als in der aktuellen Flüchtlingsdebatte – somit eine gute. Man wollte die eigene Bevölkerung vor einem Aggressor behüten, das ist ehrenwert. Vereinfacht ausgedrückt: Die Maginot-Linie sollte ein wirksames Verteidigungswerk gegen den deutschen Faschismus sein.

War sie aber nicht.

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Schier unendlich sind die Gänge in den Tunnelanlagen.

Die Maginot-Linie war ein komplexes System von Bunkern, Geschützstellungen und Tunnelanlagen entlang der französisch-deutschen Grenze. Das Bauwerk wurde nach dem französischen Verteidigungsminister André Maginot benannt. Gebaut wurde es hauptsächlich in den Jahren von 1930 bis 1940. Schlechte Erfahrungen mit dem Nachbarland und Erbfeind Deutschland aus dem für Frankreich traumatischen Krieg von 1870/71 sowie aus dem Ersten Weltkrieg ließen Paris zu dem Schluss kommen, dass nur ein mächtiges Verteidigungsbollwerk Hitlers aufgerüstete Armeen dauerhaft abwehren kann.

Dabei hätten die Franzosen es eigentlich besser wissen können. Schon im Ersten Weltkrieg nahmen die deutschen Armeen den Weg durch neutrale Staaten wie Belgien oder Luxemburg, um Frankreich zu attackieren. Bereits im Jahr 1905 hatte der deutsche Militärstratege Alfred Graf von Schlieffen seinen gleichnamigen Plan entwickelt. Er sah vor, mit der Masse des Heeres  in den Norden Frankreichs vorzurücken und damit die französischen Befestigungen im Osten zu umgehen.

Trotzdem baute Paris die Maginot-Linie vor allem an der deutsch-französischen Grenze in den 1930er-Jahren massiv aus. Im Frühjahr 1940, kurz vor Hitlers Frankreichfeldzug, waren die Verteidigungsanlagen vollgestopft mit Waffen und Soldaten.

Und dann machte die Wehrmacht den Sichelschnitt. So nannten die deutschen “Blitzkrieg”-Generäle ihren erneuten Vorstoß durch die Niederlande und Belgien hinein nach Nordfrankreich. An der Maginot-Linie gab es ein paar Scheinangriffe, ein paar Ablenkungsmanöver – Geplänkel, wie die Militärs sagten. Das tief in die elsässische Erde gegrabene Bunker- und Tunnelsystem, es war militärisch bedeutungslos.

Heute kann man einzelne Bunkersysteme besichtigen und sich schaudern lassen ob der bedrückenden Atmosphäre dieser Unter-Tage-Bauwerke. Auf touristischen Führungen wird einem die Unsinnigkeit dieser Anlagen eindringlich erläutert.

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Noch heute kann man Reste der gewaltigen Bunkeranlagen im Elsass und anderswo besichtigen.

Damit auch ja keine Missverständnisse aufkommen: Die Maginot-Linie ist ein Produkt ihrer von Kriegsangst dominierten Zeit. Sie sollte Frankreich nicht vor Flüchtlingen schützen, sondern vor kriegerischen Eroberern. Das macht moralisch einen gewaltigen Unterschied zur Situation heute. Dass aber ein beinahe 1000 Kilometer langes, mit schweren Waffen und Zehntausenden Soldaten vollgepacktes Grenzsystem am Ende zu einer der gewaltigsten Fehlinvestitionen der Geschichte wurde, zeigt die Vergeblichkeit solcher Vorhaben. Am Ende wurden mehr als fünf Milliarden Francs, damals eine unfassbare Summe, buchstäblich in den Sand gesetzt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg und erst recht nach dem Fall der Mauer haben wir in Europa geglaubt, dass Grenzbefestigungen auf den Schrotthaufen der Geschichte gehören. Dass sie heute nicht nur von rechten Krawallmachern, sondern sogar von Politikern aus dem Regierungslager wieder gefordert werden, verwundert schon.

Haben sie in Geschichte nicht aufgepasst?

 

Als man Flüchtlinge noch Auswanderer nannte

Vergangene Woche zeigte meine Mutter mir einen Artikel aus ihrer Lokalzeitung. Eine große Sporthalle in ihrem Heimatort Emsdetten sei kurzerhand zur Flüchtlingsunterkunft gemacht worden, war darin zu lesen. Sie wisse gar nicht, wo das alles noch hinführen solle, sagte meine Mutter. Ich fragte sie, was sie genau meine, und sie sagte: “Na, das mit den vielen Flüchtlingen!”

Die Flüchtlinge bestimmen in diesen Wochen die Diskussionen, selbst bei meiner 84-jährigen Mutter, die sich zeitlebens nie sonderlich für Politik interessiert hat. Warum kommen so viele hierher? Wer darf bleiben? Und wie sollen wir mit ihnen umgehen? Vielleicht hilft bei der Debatte ein Blick zurück in unsere Vergangenheit. In meinem Fall geht der Blick zurück auf die eigene Verwandtschaft. Auf Edmund Kohl.

Er lebte von 1894 bis 1960 und war ein Onkel meines Vaters, also mein Großonkel. Und er verließ seine Heimat Deutschland, verließ seinen Heimatort, an dem er doch so sehr hing. Ein Wirtschaftsflüchtling in einer Zeit, als es den Begriff noch gar nicht gab.

Damals hießen Flüchtlinge noch Auswanderer. Sie kamen nicht aus Syrien, Libyen, Albanien oder Afghanistan, sondern aus Deutschland. Sogar aus Emsdetten. Ihr Ziel war das Sehnsuchtsland des 19. und frühen 20. Jahrhundert: die USA.

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Dieses Foto von Edmund Kohls Schwester Elsa Hagel aus dem Jahr 1927 zeigt Deutsche, die in die USA ausgewandert waren.

Auch für Edmund Kohl, meinen Großonkel, muss das so gewesen sein. Nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg, nach dem “Diktat von Versailles”, wie die Deutschen den Friedensschluss der siegreichen Westmächte mit ihnen nannten, sahen junge Menschen wie er keine Zukunft im Deutschen Reich. Immense Reparationsforderungen strangulierten das Land, Massenarbeitslosigkeit und Perspektivlosigkeit erstickten jede Hoffnung.  Deutschland hatte in den Jahren nach 1918 als Habitat für eine bürgerliche Wohlstandsgesellschaft ausgedient.

1914, in dem Jahr, als der Erste Weltkrieg begann, hatte Edmund Kohl sein Abitur gemacht. Er begann ein Medizinstudium in Heidelberg, unterbrach es aber bei Kriegsbeginn und meldete sich als Freiwilliger. In verschiedenen Lazaretten erlebte er, was dieser erste wirklich moderne Krieg mit den Menschen machte.

Nach dem Krieg studierte Edmund Kohl in Münster und Breslau weiter, 1921 legte er sein medizinisches Staatsexamen mit der seinerzeit seltenen Note “sehr gut” ab. Im Mai 1922 promovierte er ebenfalls in Breslau.

Glänzende Voraussetzungen für eine Karriere als Mediziner, sollte man meinen. Aber die Zeiten waren nicht danach. Kohl arbeitete für einen kargen Lohn in der Inneren Abteilung eines Breslauer Krankenhauses. Es reiche kaum zum Überleben, schrieb er seinen Eltern in Emsdetten, aber man müsse froh sein, überhaupt eine Anstellung zu haben.

Hohe Reparationszahlungen an die Alliierten, eine galoppierende Inflation, wirtschaftliche Depression und Massenarmut ließen den jungen Arzt zu dem Schluss kommen: “In Deutschland gibt es keine Zukunft für mich.”

Etwa um diese Zeit besuchte sein Onkel Josef Süßmuth die Familie Kohl in Emsdetten. Er war bereits 1913 nach Amerika ausgewandert und hatte dort eine Textilfirma gegründet. So hatte er es binnen weniger Jahre in Bridgeport/Connecticut zu einigem Wohlstand gebracht. Die schwärmerischen Erzählungen seines Onkels von den großartigen Möglichkeiten in den USA dürften Edmund Kohls Auswanderergedanken weiter befeuert haben.

Als sich Süßmuth auch noch anbot, ihm bei der Einreise und der Eingewöhnung zu helfen, war für Kohl klar: “Ich gehe nach Amerika!”

Dass seine Zulassung als Mediziner in den USA nicht anerkannt wurde und er dort sämtliche Prüfungen wiederholen musste – egal. Dass ihm eine damals schon beinahe entwürdigende Prozedur auf der New Yorker Einwanderer-Insel Ellis Island bevorstand – nicht so schlimm. Hauptsache raus aus Deutschland.

Amerikanische Zeitungen schrieben Anfang der 20er-Jahre von einem “Massenexodus” der Deutschen in die USA. Edmund Kohl war ein Teil davon. Es lockte der “American Dream” vom finanziellen Glück.

Am 13. September 1922 bestieg mein Großonkel in Hamburg die “Oropesa”. Über Southampton ging es in der Dritten Klasse des Passagierschiffs nach New York.  Auf Ellis Island wurde er von den amerikanischen Einwanderungsbehörden auf Herz und Nieren untersucht. Er habe ausreichend Geld dabei und sei weder Polygamist noch Anarchist, gab er zu Protokoll. Für etliche seiner Mitreisenden aber war bereits hier der Traum vom neuen Leben ausgeträumt. Ihnen wurde die Einreise verweigert.

Edmund Kohl kam durch. Vor allem, weil ihm sein Onkel Josef Süßmuth in den USA von Anfang an beistand. Er bezahlte die Überfahrt, und er gab ihm die von europäischen Immigranten geforderten 50 Dollar Startkapital. Mit eigenen Mitteln hätte Kohl das in Zeiten der Hyperinflation nicht hinbekommen: Ein Dollar war damals gut 40 Milliarden Mark wert!

Süßmuth besorgte dem jungen Auswanderer auch seine erste Stelle: Edmund Kohl arbeitete in den ersten Jahren in Amerika als Buchhalter in der Textilfirma seines Onkels. Parallel dazu absolvierte er die medizinischen Prüfungen, die ihn dazu berechtigten, als Arzt in den USA zu arbeiten.

Schon nach wenigen Jahren hatte Edmund Kohl in seiner neuen Heimat nicht nur Fuß gefasst,  es ging ihm sogar richtig gut. Als er im Sommer 1926 Margaret Vogelbacher – ebenfalls eine deutsche Auswanderin – heiratete, gab es bei der Hochzeitsfeier “Westfalian Ham á la Emsdetten”, was nichts anderes als Westfälischer Schinken war.

Den Kontakt zu seiner Heimat brach er nie ab. Im Gegenteil: Als viele Emsdettener nach dem Zweiten Weltkrieg in Not waren, schickte er mehrfach Lebensmittelpakete und andere Sachspenden. Bis heute hält die Stadt sein Andenken in Ehren.

Edmund Kohls Auswanderergeschichte ist vor allem eines: die Geschichte der Hoffnung auf ein besseres Leben.

Ich fragte meine Mutter dann noch, ob sie glaube, dass Edmund Kohl damals in den USA auf ähnliche Vorurteile oder sogar Hass gestoßen sei wie viele Flüchtlinge es in Teilen unseres Landes gerade erleben müssen.  Sie überlegte eine Weile und meinte dann, dass sie es nicht wisse.

Aber sie glaube es nicht.

PS: Die damalige Emsdettener Oberstufenschülerin Ann-Katrin Heitjans hat sich im Jahre 2003 im Rahmen eines Geschichtswettbewerbs intensiv mit Edmund Kohls Lebensgeschichte befasst. Dieser Text stützt sich in Teilen auf ihre Arbeit.

 

“Wo die Zypressen stehen” – ein Flohmarktfund aus der Frühzeit des modernen Massentourismus

“Die Flut des Tourismus ist eine einzige Fluchtbewegung aus der Wirklichkeit, mit der unsere Gesellschaftsverfassung uns umstellt.” (Hans Magnus Enzensberger, Schriftsteller und Tourismuskritiker 1958)

“Ich wandelte unter Palmen – zum ersten Mal in meinem Leben!”  (Ella H., deutsche Italientouristin 1957)

 

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Sie war noch nie in Italien. Noch nie südlich der Alpen. Sie war mal in der Lüneberger Heide mit ihren Wacholdersträuchern und Heidekrautwiesen, da war es auch schön, aber eine richtige Palme, eine stachelige Agave oder einen knorrigen Olivenbaum hatte sie noch nie gesehen. Ella H. aus Kiel wollte unbedingt dahin, wo die Zitronen blühen. Nach Italien!

An den Gardasee.

Es war  neulich auf einem Flohmarkt in Münster, als ich auf Ella H. stieß. Auf dem Tisch eines Standes lag ein angegilbter Aktenordner, gefüllt mit dicht beklebten Seiten aus dünner Pappe. “Italien – Riva – Gardasee – Venedig 1957”, so war der Ordner beschriftet. Ein Reisetagebuch, wie man es heute nicht mehr findet. Ein Aktenordner voller Sehnsucht und Urlaubsglück, voller Reisedevotionalien, sorgsam eingeklebt und beschriftet.

Na ja, und natürlich auch ein sozialgeschichtliches Dokument erster Güte. Der Ordner aus der Wirtschaftswunder-Zeit musste mit.

In unserer heutigen Freizeitgesellschaft kann man sich kaum noch vorstellen, was in den Fünfziger Jahren der erste Italienurlaub für die Menschen bedeutete. Nach den Entbehrungen des Krieges und der Nachkriegszeit war eine Reise in den Süden für die Deutschen der Beweis dafür, dass es wieder aufwärts ging. Dass man wieder dazugehörte zur zivilisierten Welt.

War ja nicht selbstverständlich, so kurz nach der Nazibarbarei.

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Ella H., damals den Fotos nach eine Frau um die 50, reiste – wie viele andere deutsche Urlauber auch – wohlbehütet und mit dem Bus nach Italien. Ihr liebevoll gestaltetes Reisetagebuch zeigt bis ins Detail, wie es damals war in Riva und Sirmione, in Torbole und Venedig.

Sie vertraute sich der Touropa an, neben Neckermann einer der großen Urlaubsanbieter der Fünfziger Jahre, der sich 1968 mit Scharnow, Hummel und Dr.-Tigges-Reisen zur Touristik Union International, kurz: TUI, und damit zum größten Reisekonzern der Welt zusammenschließen sollte. Touropa, schon damals eine Art Urlaubs-Trust, hatte Ella H.s Pauschalreise bis ins Detail durchgeplant.

Eine solch allumfassende Fürsorge, die uns heute eher spießig und bieder vorkommt, war damals bei den im Ausland meist vollkommen unerfahrenen deutschen Touristen sehr willkommen. Auch bei Ella H., die über ihren Touropa-Reiseleiter nur Gutes in ihrem Reisetagebuch vermerkte: “Unser Reiseleiter, Herr Schädrich, ist sehr nett – und er spricht perfekt italienisch.”

Ella H. und ihre Freundin erlebten zum ersten Mal in ihrem Leben die quirlige Atmosphäre einer italienischen Stadt: “Eng sind hier in Riva die Gassen, aber so stimmungsvoll!”  Die beiden Frauen knipsten jeden Alststadtwinkel, sammelten leere Zuckerpäckchen und Eisverpackungen. Sie kauften Ansichtskarten und trockneten Oliven-, Oleander-, Feigen- und Zitronenblätter. Bella Italia, hier war es, und der Gardasee mit seinen postkartenschönen Ausblicken bediente sämtliche Sinne.

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Etwa zur gleichen Zeit als Ella H. am Gardasee staunend den Süden entdeckte, schrieb der Schriftsteller und Tourismuskritiker Hans Magnus Enzensberger sein ätzendes Essay “Vergebliche Brandung der Ferne”. Es las sich dann so: “Der Tourismus parodiert die totale Mobilmachung. Der Reiseleiter nimmt vollends die Züge eines Transportführers auf, dessen Autorität die Kolonne gleichermaßen fürchtet und ersehnt.”

Ob Ella H. ihren “Herrn Schädrich” auch so fürchtete?

Enzensberger, für den der aufkommende Massentourismus eine einzige große Fluchtbewegung aus der gesellschaftlichen Wirklichkeit darstellte, hatte Mitstreiter aus dem Bereich der Kulturkritik, die Menschen wie Ella H. und deren naive Italiensehnsucht noch viel abschätziger beurteilten. Unter ihnen kursierten Witze wie dieser: “Kommt eine Touristengruppe in einem italienischen Hotel an. Fragt der Hotelier: Are you English, French or Neckermann?”

Der Reiseschriftsteller Gerhard Nebel nannte in seiner in den frühen Fünfziger Jahren erschienene Tourismuskritik “Unter Partisanen und Kreuzfahrern” den aufkommenden Massentourismus eine “europäische Krankheit, die in einer Kette von Eiterbeulen ausbricht.” Ein Textbeispiel: “Die Schwärme dieser Riesenbakterien, Reisende genannt, überziehen die verschiedensten Substanzen mit dem gleichförmig schillernden Thomas-Cook-Schleim.”

Ella H. wusste von solchen Schmähschriften vermutlich nichts. Und wenn, es wäre ihr wohl egal gewesen. Sie saß im Eiscafé am Gardasee, fütterte die Tauben auf dem Markusplatz in Venedig und schwelgte zum ersten Mal in diesem südlichen Lebensgefühl, das so ganz anders war als der aufgeräumte Alltag ihrer deutschen Heimat.

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In ihren Aktenordner klebte sie sämtliche Erinnerungen an die glücklichsten zwei Wochen ihres Lebens. Notierte alles fein säuberlich und ausführlich bis zum Abreisetag. Wie sie auf der Piazza in Limone ein Eis aß (“Habe dafür 60 Lire bezahlt”). Wie sie in Torbole einen Regenschirm kaufte (Knirps für 3500 Lire = 23,52 Mark”).  Wie sie bei ihrem von Reiseleiter Schädrich auf sieben Stunden begrenzten Venedig-Aufenthalt für Poskarten 270 Lire (“=1,80 Mark”) ausgab und auf dem Markusplatz saß (“Die Sonne schien den ganzen Tag, es war bezaubernd. Man berauschte sich an den Farben. Venedig ist einmalig!”). Und wie sie dort in der urigen “Taverna dei Dogi” mit ihrer Freundin zu Mittag aß: “Es war ein behaglich eingerichtetes Restaurant. Die Bedienung klappte vorzüglich. Das Essen (legierte Suppe, Braten und Obst) war reichhaltig und gut.”

Ella H. aus Kiel – eine Entdeckerin, voller kindlicher Freude über das, was sie in Italien sah. Freude, die uns erfahrenen Reisenden schon lange abhanden gekommen ist. Auf dem letzten Blatt ihres Reisetagebuchs stehen nur zwei, geradezu gemalte Worte: “Arividerci Italia!”

Was macht es da schon aus, dass es eigentlich “Arrivederci” heißt?

Vintage-Coolness: Luxus-Printmedien als Nischengeschäft

Print stirbt aus. Das sagen  fast alle. Auch die, denen Print bisher ihren Lebensunterhalt ermöglichte und immer noch ermöglicht. Print ist Gestern, Online ist Morgen. Das Dumme nur: Noch immer sind Verlage auf der verzweifelten Suche nach einem Geschäftsmodell, das ihnen dauerhaft ein Überleben im Morgen, also im Netz, ermöglicht.

Äußerungen dazu gibt es nahezu täglich. Der Medienberater und Ex-Verleger Martin Langeveld hat kürzlich angeregt, dass Zeitungen nicht mehr täglich, sondern nur noch wöchentlich erscheinen sollten. Michael Schaper, Chefredakteur von GEO-Wissen, glaubt an eine Zukunft von Print nur in der anspruchsvollen Nische. Matthias Koch vom Redaktionsnetzwerk Deutschland schlägt vor, den schnellen Nachrichten im Netz mit einem Wochenend-Journal etwas Ruhiges entgegensetzen.

Bei Burda haben sie gerade eine neue Special-Interest-Zeitschrift an die Kioske gebracht, die ihre Online-Konkurrenz sogar im Titel führt: “I like Blogs – Rezepte” kocht Rezeptideen aus dem Netz auf. “Als Massenmedium wird die Zeitung verschwinden”, sagt Bascha Mika, Chefredakteurin der “Frankfurter Rundschau”. Sie sieht die gedruckte Zeitung als künftiges Luxusprodukt.

Peter Turi, der einen Medienfachdienst im Netz betreibt, plant deshalb eine Rolle rückwärts: In unseren digitalen Zeiten, argumentiert auch er, sei Print der neue Luxus, also etwas besonders Kostbares. Turi möchte in Kürze ein gedrucktes Magazin für Medienmacher auf den Markt werfen und setzt dabei auf die künftige Exklusivität dieses, nun ja, “Vintage-Mediums”.

Unterstützung erhält er wiederum durch Hans Weitmayr, Chefredakteur von “Forbes Austria”. Der hat kürzlich gesagt, dass Papier das Vinyl der Medienindustrie sei. Und seine “Forbes”-Illustrierte mithin so etwas wie die gute, alte Schallplatte. Die ist ja auch nicht tot zu kriegen.

Man kann das so sehen. Ein Blick zurück zeigt, dass es durchaus Beispiele für gedruckte Produkte als exklusives Nischen-Geschäftsmodell gibt. Da gab es zum Beispiel “Pan”, eine Kunst- und Literaturzeitschrift. Sie wurde von 1895 bis 1900 in Berlin von Otto Julius Bierbaum und Julius Meier-Graefe herausgegeben.

Von 1910 bis zu ihrer endgültigen Einstellung 1915 erschien sie nochmal als Halbmonatsschrift unter der Leitung des Berliner Kunsthändlers und Verlegers Paul Cassirer. Ab 1912 war der berühmte Theaterkritiker Alfred Kerr alleiniger Herausgeber dieser in vielerlei Hinsicht bemerkenswerten Zeitschrift.

Das aufwändig gestaltete Blatt war für ein paar Jahre das Zentralorgan des deutschen Jugendstils. Diese Kunstrichtung sah sich im späten Kaiserreich als kulturelle Avantgarde, entsprechend nobel musste „Pan“ daherkommen. Ihren Titel klaute sie sich aus der griechischen Mythologie. Eine solche Zeitschrift hatte es bis dato noch nicht gegeben: Gedruckt auf hochwertigstem Papier und mit modernster Typografie, verziert von den besten Designern der Zeit. Beigelegt waren Originalgrafiken von Künstlern wie Henry van de Velde, Max Liebermann oder Franz von Stuck. Der Kontrast zu den auf Billigpapier gedruckten Groschenzeitungen des Kaiserreichs hätte größer nicht sein können.

Private Gönner hatten 1895 viel Geld gegeben und ermöglichten es der Zeitschrift, unabhängig vom Massengeschmack zu einem Bannerträger der künstlerischen Moderne zu werden. Jung. Aufregend. Fortschrittlich. Umgeben von einer Aura des Exklusiven. Und richtig schön gemacht.

Für einige Zeit funktionierte diese Geschäftsidee recht gut. Dass die Zeitschrift schon nach wenigen Jahren wieder vom Markt verschwand, lag zwar auch am oft elitären Inhalt von „Pan“, vor allem aber lag es an ausgeprägten Streitereien unter den Machern. Und hätte der Erste Weltkrieg nicht grundsätzlich mit der Kultur in Deutschland Schluss gemacht, wer weiß, was aus Alfred Kerrs hoffnungsvoller Neuauflage dieses Hochglanz-Heftes geworden wäre.

Dass sie damals Print etwas anders gedacht hat als bis dahin üblich, bescherte der Gazette jedenfalls eine Aufmerksamkeit, die weit über den überschaubaren Kreis der Künstler und Literaten hinausging. Leider findet man Exemplare dieses frühen publizistischen Experiments heute – wenn überhaupt – nur noch in wenigen Bibliotheken oder mit ganz viel Glück auf einem gut bestückten Flohmarkt.

Anschauungsunterricht, wie es gemacht werden könnte, bietet das Projekt „Pan“ bis heute allemal.

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Der “New Yorker” ist eine Institution. Eine gedruckte Institution.

Das gilt auch für den „New Yorker“, ein inzwischen schon 90 Jahre altes Magazin für die amerikanische Ostküsten-Bohème. In ihm schrieben und schreiben bis heute die besten Autoren. Mit vielen ihrer „New Yorker“-Geschichten überwanden sie die Grenzen zwischen Reportage und Roman. Und gewannen Unmengen an Journalisten- oder Literaturpreisen.

Das Heft hob sich von Anfang an durch hochklassigen Journalismus, gehobenen Tratsch, gepflegte Selbstreferenzialität, künstlerische Covergestaltung, hübsch-altmodische Typografie und ein bewusstes, beinahe britisches Understatement von anderen Publikationen ab. Bis heute.

Als reine Netzzeitung ist der „New Yorker“ trotz eines inzwischen ziemlich guten Internet-Auftritts irgendwie nicht denkbar. Man möchte ihn weiterhin in seinen Händen halten.

Ein bisschen Vintage-Coolness im Online-Alltag.